Es gehört zur Krise, dass noch nicht einmal ein Fußball-Länderspiel die Nachbarn Westeuropas derzeit patriotischer stimmen könnte als ihr eigenes Bruttosozialprodukt. Als "dramatisch" werteten die Briten die positive Entwicklung in Deutschland und Frankreich, die im zweiten Quartal dieses Jahres um 0,3 Prozentpunkte zulegten. Es mögen die ersten, schwachen Zeichen einer Konjunkturerholung sein, vielleicht auch nur ein flüchtiges Zwischenhoch - doch in Großbritannien hat mit diesen Vergleichsdaten die große Selbstzerfleischung begonnen.

Mit Blick auf Deutschland werfen die Briten ihrer Regierung "finanzielles Missmanagement" vor - harsche Kritik, die Labour-Premier Gordon Brown durch optimistische Parolen geradezu provoziert hat. "Großbritannien befindet sich in einer besseren Position, um die globalen Turbulenzen, die jedes Land betreffen, zu überstehen", hatte er teure Konjunkturpakete kommentiert. Auch Finanzminister Alistair Darling ließ keinen Zweifel daran, dass man auf der Insel besser als anderswo gegen den Sturm gewappnet sei. 

Dabei ist Großbritannien mit rund 200 Milliarden Euro Neuverschuldung Defizit-Spitzenreiter in Westeuropa. Die Arbeitslosigkeit steigt, Steuereinnahmen sinken, das Wachstum ist negativ. Der Blick fällt also auf "German Kurzarbeit" und den "automatischen Stabilisator Sozialstaat", der den "tiefen Fall abbremst". Auch der angelsächsische Kapitalismus mit seinem kreditbefeuerten Konsum, unrealistischen Immobilienpreisen und grenzgängerischem Finanzsektor steht in Frage.

Die Selbstkritik der Briten trifft das Problem jedoch nur zum Teil. Die extrem hohe Verschuldung der Privathaushalte behindert den Aufschwung. Billige Kredite haben die Immobilienblase kreiert, die nun geplatzt ist. Auch die Staatsschulden sind so hoch, dass die Regierung Gefahr läuft, ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können.

Für "German Schadenfreude" ist es aber zu früh. Langfristig könnten sich die Konjunkturtrends der Schein-Rivalen angleichen. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ein kurzer Rückblick: Deutschland steht zwar im zweiten Quartal wirtschaftlich besser da, hat aber im ersten Quartal einen wesentlich tieferen Abschwung verzeichnet als die Briten.

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