Werner Kolhoff, Kommentarfoto 2015
Werner Kolhoff.

Werner Kolhoff.

Krohnfoto

Werner Kolhoff.

Wenn man die präsidial-diplomatischen Dämpfer abzieht, dann war Gaucks Abschiedsrede ein dramatischer Appell zur Verteidigung von Demokratie, Freiheit und sozialer Sicherheit in Deutschland und Europa. Noch sehen viele die Gefahren nicht. Vor allem nicht jene Menschen, die die Stabilität ihres Landes nur konsumieren, wie eine Gratisbeilage. Und auch nicht die, die es vermeintlich nur an wenigen Stellschrauben anders haben wollen, "bloß" die Ausländer raus, oder "bloß" den Euro abschaffen.

Wer aber eins und eins zusammenzählt, den aufkommenden Nationalismus, die multiplen Krisen um Europa herum, die Ausbreitung neuer Diktatoren, die immer hasserfülltere politische Kommunikation, die Ignoranz eines Donald Trumps oder die wachsende Ablehnung des Freihandels, wird nicht leugnen können, dass die Welt ein sehr wackeliges Schiff geworden ist. Am meisten Europa. Und mit ihm Deutschland. Ein Wahlsieg von Le Pen in Frankreich kann reichen, um es zum Kippen zu bringen, ebenso eine wirtschaftspolitische Idiotie des neuen amerikanischen Präsidenten oder eine schlechte Großmachtidee Putins.

Gaucks Verteidigungsaufruf ist nicht der Angstschrei eines Elitären. Sondern eher die Fassungslosigkeit eines Menschen, der sein Land und das offene Europa gleich aus zwei Gründen ehrlich bewundert. Einmal als ehemaliger DDR-Bürger, der selbst noch den Stalinismus und später den "real existierenden" Sozialismus erlebt, erlitten und dann überwunden hat. Gauck kann aus seiner eigenen Biographie heraus argumentieren, und das gibt seiner Stimme Gewicht. Und dann hat er bei seinen Reisen immer wieder erlebt hat, wie sehr diese Bundesrepublik Deutschland überall in der Welt angesehen ist. Sie ist eines der reichsten, stabilsten, sozialsten, sichersten, rechtsstaatlichsten und kulturell vielfältigsten Länder der Welt, ein Sehnsuchtsort für Millionen. Nur Zuhause sehen viele das nicht mehr.

Es ist es wert, um dieses Land zu kämpfen, das ist Gaucks Botschaft. In seiner letzten Rede hat er wenige verschont mit Kritik und Ermahnungen. Nicht die Populisten, die ihre Argumentation auf Lügen bauen, aber auch nicht die etablierte Politik, die den kritischen Fragen allzu oft ausweicht. Er hat von den Regierenden eine dauerhaftere Lösung der Flüchtlings- und der Euro-Krise gefordert und eine klare Kante zu Neonazis wie zu Islamisten gezogen. Er verlangt mehr innere Sicherheit für die Bürger. Und mehr Engagement Deutschlands in der Welt. Die Rede war unbequem. Am meisten für die, die den Kopf in den Sand stecken möchten.

Was von diesem elften Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland bleibt, wenn er demnächst aufhört? Sehr große Schuhe für seinen Nachfolger.

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