Aktionstage gegen das umstrittene Abkommen

Sozialer und ökologischer Fortschritt wurde den Menschen noch nie geschenkt. Insofern ist es beim transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP durchaus berechtigt, gehörig Gegenwind zu machen. Die Verhandler beider Seiten müssen wissen, dass da welche aufpassen. Aber dieses Motiv bewegt längst nicht alle TTIP-Gegner. Viele treibt Kapitalismuskritik, Antiamerikanismus oder Lust am Widerstand an.

Es spricht viel europäische, speziell deutsche, speziell linke deutsche Überheblichkeit aus der Ansicht, die US-amerikanischen Standards seien durchweg niedriger als unsere. Man lebt da drüben aber nicht auf Bäumen. Die Angst davor, mit Nordamerika einen gemeinsamen Markt zu bilden, also freien Handel ohne Zölle und Bürokratie, ist so absurd, wie es die Angst in Europa war, als hier der gemeinsame Binnenmarkt entstand.

Die Losung der Gegner, die an diesem Wochenende wieder in vielen Städten zum Aktionstag aufrufen, die TTIP-Verhandlungen zu stoppen, bedeutet Totalverweigerung: Man will nicht einmal versuchen, die Probleme und Risiken zu regeln, die das Zusammenfügen unterschiedlicher Wirtschaftsräume naturgemäß mit sich bringt.

Es ist wahr, dass TTIP vor allem im Interesse der Wirtschaft liegt. Richtig ist auch, dass gemeinsame Märkte die Macht nationaler Parlamente berühren. Bloß: Auch das ist in der EU schon lange Realität. Und trotzdem würde niemand in Europa sagen, er wolle nun zurück zu den alten Fürstentümern mit ihren Akzisemauern. Außer vielleicht die Nationalisten.

Die Lösung dieses Spannungsverhältnisses liegt in der Stärkung internationaler Rechts- und Demokratieorganisationen. Der Vorschlag eines unabhängigen internationalen Schiedsgerichtshofes für Streitigkeiten im Zusammenhang mit TTIP fällt in diese Kategorie.

Natürlich gibt es Bereiche, wo sich Standards und Regeln nur schwer vereinbaren lassen. Der Kulturbereich gehört dazu, wohl auch die Kosmetikbranche. Dann muss man bestimmte Sektoren eben ausnehmen. Die Dinge sind lösbar. Freihandel kann ein Fortschritt sein, muss es aber nicht. Er kann das Leben vieler Menschen erleichtern, muss es aber nicht. Es lohnt sich in jedem Fall, seine Chancen zu erkunden.

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