Alle wohlfeilen Ankündigungen der Mittelmeerstaaten, durch Küstenwacht-Patrouillen den Flüchtlingsstrom zu stoppen, halten der Realität nicht stand. Die jüngste Tragödie zeigt, dass der große Treck von Süd nach Nord gerade erst begonnen hat.

Es ist der Weg der Verzweifelten; ihre Not macht sie immun gegen die Angst, mitsamt den morschen Seelenverkäufern unterzugehen. Wer den Fluchtpunkt Europa als letzte Chance begreift, den schrecken eben weder Havarien noch Behörden. Da mutet es als hilflose Geste aus Brüssel an, wenn die Europäische Union in Kamerun und Nigeria Radiospots finanziert, deren Botschaft lautet: In Europa findet ihr nicht euer Glück, auf dem Meer aber den Tod.

In den Ländern Afrikas fräst sich die Weltwirtschaftskrise so tief wie nirgendwo sonst in den Alltag der Familien. Sie beraubt Millionen ihrer Lebensgrundlage, so dass die Zahl derer, die nichts mehr zu verlieren haben, von Tag zu Tag wächst. Gleichzeitig aber stoppt das von der Rezession getroffene Spanien seine liberale Einwanderungspolitik, weil nach dem abrupten Ende des Booms niemand mehr billige Arbeitskräfte braucht. Schon jetzt herrschen in den Auffanglagern unwürdige Bedingungen, künftig wird es zu Aufständen kommen.

Brüssels Flüchtlingspolitik braucht deshalb einen Neuanfang. Ein Kontinent, der sich auf seine christlichen Werte beruft, darf die Tragödien im Mittelmeer und in den Lagern nicht billigend in Kauf nehmen. Die Europäische Union muss erkennen, dass jeder Versuch, Europas Außengrenzen durch Polizeipatrouillen abzuschotten, zum Scheitern verurteilt ist. Erfolgversprechenender wäre es, mit den betroffenen afrikanischen Staaten intensiv zu kooperieren. Denn dort sitzen die Schlepperbanden, die mit dem Elend ihrer Landsleute ein Vermögen verdienen. So lange es nicht gelingt, diesen Geschäftemachern das Handwerk zu legen, so lange wird es auch nicht gelingen, die Flüchtlingsströme auszutrocknen.

Vor allem aber gilt es, die Armut im Süden durch eine ernsthafte Entwicklungspolitik zu bekämpfen. Europa nuss dafür mehr Verantwortung übernehmen - der alte Kontinent hat Afrika lange genug ausgebeutet und damit erst die Voraussetzungen für jenes Elend geschaffen, das uns jetzt so nahe rückt.

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