Ein Eingeständnis der Hilflosigkeit - so liest sich der deutsche Strategiewechsel in Afghanistan: Hier 500 zusätzliche aktive Soldaten, dort 350 Mann als flexible Reserve, hier ein paar Ausbilder mehr für Polizei und Armee, dort ein 50-Millionen-Euro-Zuschuss aus Steuergeldern für Taliban, die sich vom Terror abwenden.

Das wirkt nicht wie ein durchdachtes Konzept, sondern wie der Versuch, ganz unterschiedliche Klientel zu bedienen - die Nato-Partner, die von Deutschland auf der Truppensteller-Konferenz Zusagen erwarten, die deutsche Bevölkerung, die der Mission weitgehend ablehnend gegenübersteht, und die Opposition, die im Kampf um die Wählergunst in ihrer Afghanistan-Politik eine 180-Grad-Wende hingelegt hat.

An einem vernünftigen Ausstiegsszenario führt kein Weg vorbei. Wenn aber ein Truppenabzug nicht in einem ähnlichen Fiasko enden soll wie weiland die britische oder die sowjetische Besatzung, müssen sich die Verbündeten endlich auf eine gemeinsame Strategie verständigen. Das setzt eine schonungslose Bilanz voraus, um Fehler nicht zu wiederholen. Dazu gehört Mut, denn der Westen ist mit seinem Versprechen gescheitert, dem Land am Hindukusch Fortschritt und Demokratie zu bringen.

Mit ihrem halbherzigen und wenig koordiniertem Vorgehen haben die Nato-Staaten dazu beigetragen, dass die Taliban wieder erstarkt sind. Die Aufständischen konnten Teile der afghanischen Armee und Polizei infiltrieren, sie paktieren mit Stammesführern und sind bereits in Institutionen vertreten, an die die USA im Sommer 2011 die Verantwortung abtreten wollen.

Umso dringender müssen in London Antworten gefunden werden auf wichtige Fragen: Wie wird sichergestellt, dass Entwicklungshilfe nicht in dunklen Kanälen versickert? Wer bestimmt, wer in den Genuss des Aussteigerprogramms kommt? Inwieweit ziehen die Verbündeten mit, wenn die USA in diesem Jahr den militärischen Druck auf die Taliban erhöhen?

Ein paar hundert Bundeswehrsoldaten mehr oder weniger werden sicher nicht dazu beitragen, den Afghanistan-Einsatz zu einem Erfolg zu führen oder in einem Misserfolg enden zu lassen. Es sind aber wieder ein paar hundert Soldaten mehr, die ihr Leben riskieren. Man sollte ihnen endlich sagen, wofür.

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