Kommentar Schock des Absturzes und öffentliche Verarbeitung

 Darum werfe den ersten Stein, wer ohne Schuld ist. Auch diese Zeitung ist es nicht, auch nicht der Autor dieser Zeilen. Es gibt einerseits massenhaft ehrlichen Schock über den Absturz, aufrichtiges Mitgefühl mit den Angehörigen, echte Trauer um jeden, der dort so jäh gestorben ist. Man spürte am Dienstagvormittag förmlich, wie das Land innehielt.

Doch, da ist die andere Seite, die Menschen, sofern sie nicht direkt betroffen sind, kehren nicht trauernd in sich. Dazu ist jeder Einzelne dann doch zu weit weg, zu neugierig, auch zu sensationslüstern. Deshalb konsumieren wir Nachricht um Nachricht, Bild um Bild. Batterien von Fernsehkameras sind an der Landestelle der Hubschrauber aufgebaut – die doch nur immer das Gleiche zeigen können. Ein Experte nach dem anderen wird interviewt, keiner weiß etwas. Live-Schalten, Pressekonferenzen, Sonderseiten in den Zeitungen. Grafiken, Animationsfilme, das volle Programm.

Das Trauerritual der Informationsgesellschaft heißt „Brennpunkt“ oder „Spezial“. Und die Politik folgt diesem Mechanismus, sie muss. Staatschefs telefonieren miteinander und versichern sich gegenseitig des tiefen Mitgefühls, Parlamentssitzungen beginnen mit Gedenkminuten, die Nationalmannschaft spielt mit Trauerflor. Man könnte sich fragen: Was wollen Steinmeier, Dobrindt, Merkel und Kraft im französischen Gebirge, während dort die Trümmer noch rauchen? Dort lebt keiner mehr. Ein Minister hätte gereicht, um zu erkunden, was an technischer Hilfe aus Deutschland notwendig ist. Aber darum geht es nicht. Die Menschen wollen Bilder, die ihre Oberen zeigen, wie sie irgendetwas tun. Egal was. Auch dass Bundespräsident Gauck seine Südamerika-Reise abbricht, ist objektiv gesehen völlig nutzlos für alles, was derzeit in den Alpen oder in Düsseldorf notwendig ist. Er kann nicht helfen. Aber wehe, er wäre einfach weiter gereist. Dann wäre er massiv als gefühllos kritisiert worden.

Es ist wie eine kollektive Ersatzbeschäftigung, eine Übersprungshandlung. Wahrscheinlich können wir gar nicht anders. Nicht die Medien, nicht die Politiker, nicht die Bürger. Kein Problem. Wir sollten nur alle miteinander wissen, was wir da tun – und es nicht übertreiben.

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