Der Trend zur Frühverrentung

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Pünktlich zum Startschuss für die Rente mit 67 im neuen Jahr alarmieren Sozialverbände und Gewerkschaften mit einem – auf den ersten Blick – bedrückenden Befund: Jeder zweite Rentenberechtigte geht vorzeitig in den Ruhestand. Er weicht damit dem immer stärker werdenden Druck eines hocheffizient arbeitenden Industriestaates aus.

Was tatsächlich erschrecken muss, ist die dramatisch gewachsene Zahl an vermindert Erwerbsfähigen, die mit ihrer vorzeitigen Pensionierung den Kampf gegen Krankheit am Arbeitsplatz verloren geben und sich an den Abstieg in die bittere Renten-Armut gewöhnen müssen. Das ist eine gesellschaftliche Gruppe, über deren Perspektive viel stärker nachgedacht werden muss, als das bisher der Fall war.

Die regierungsamtlichen Beschwichtigungen, mit denen der durchaus dramatische Trend relativiert werden soll, können nur teilweise überzeugen. Gewiss ist der Frauenanteil an den Frührentnern unverhältnismäßig hoch. Natürlich galt es, mit der Wiedervereinigung einen hohen Anteil an erwerbstätigen DDR-Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Doch das erklärt die Sehnsucht der Menschen nach früherem Ruhestand nicht allein. Es ist gewiss eine Art Fluchtbewegung vor den Bestimmungen, die auf ein noch späteres Ausscheiden aus dem Berufsleben abzielen, um die Rentenkassen zu entlasten.

Die Rente mit 67 ist notwendig, aber sie ist innenpolitisch extrem umstritten. Das führt in der Argumentation zu massiven Glaubwürdigkeitsproblemen. So sollte sich beispielsweise SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles daran erinnern, dass Inspirator der Reform ein gewisser Franz Müntefering war. Wenn sie jetzt CDU-Arbeitsministerin von der Leyen vorhält, „stur“ an dem Konzept festzuhalten, so ist das nichts anderes als innerparteilicher Opportunismus gegenüber dem linken Parteiflügel und der Abschied von der Entscheidung der Großen Koalition.

Allerdings gilt auch: Dass das Gesetz auf dem Weg zu seiner vollen Wirksamkeit im Jahr 2029 nicht modifiziert und neuen Umständen angepasst werden wird, widerspricht jeglicher politischer Lebenserfahrung. Denn schließlich hat es kaum ein Gesetz gegeben, das eine derart weit in die Zukunft weisende Entscheidung beansprucht.

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