Ulli Tückmantel
Ulli Tückmantel

Ulli Tückmantel

Schwartz, Anna (as)

Ulli Tückmantel

Seit Wochen reden die Sozialdemokraten wahlweise vom Schulz-Express oder vom Schulz-Zug. Hannelore Kraft, NRW-Ministerpräsidentin, NRW-Spitzenkandidatin der SPD und Landesvorsitzende der Partei, hat den Schulz-Parteitag am Sonntag in Berlin mit den Worten eröffnet, nun setze man den Schulz-Zug aufs Gleis, und er fahre direkt ins Kanzleramt. Erwartungsgemäß kannte der Jubel der SPD über ihren neuen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten am Sonntag keine Grenzen. Es fehlte nicht viel, und ein südwestfälischer Awo-Funktionär hätte die Krücken von sich geworfen und gerufen „Ich kann wieder gehen“.

Dabei zeigte der Heilsbringer aus Würselen bei seiner Kür bereits deutliche, inhaltliche Abnutzungserscheinungen: Viel Neues hatte Martin Schulz auf dem Parteitag nicht zu erzählen. Mit leichten Abweichungen waren es die Geschichten, mit denen er nun bereits  sechs Wochen über Land gezogen ist. Aus den schon berühmten „hart arbeitenden Menschen“ ist in Berlin die „hart arbeitende Mitte“ geworden. Der 50-Jährige, der in seinen Berichten über die soziale Wirklichkeit seit Wochen vor Sorge nicht schlafen kann, bekam am Sonntag eine Pause. Einzig neu war die Ankündigung, dass Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig in den kommenden Wochen das Modell einer „Familienarbeitszeit“ vorstellen wolle.

Spätestens ab Montag bricht die Zeit für Fragen nach dem Fahrplan an, dem der Schulz-Zug folgen soll. Diesen Fahrplan wollen die Sozialdemokraten jedoch nicht vor der NRW-Wahl am 14. Mai vorstellen – was ja auf nichts anderes hindeutet, als dass der Fahrplan des Schulz-Zuges durchaus Einfluss auf die Wahlentscheidung in NRW haben könnte. Und das wiederum heißt nichts anderes, als dass die SPD sich (mindestens im Bund) vorbehalten will, die Weichen deutlich nach links zu stellen, während Hannelore Kraft in NRW ohne Unterlass betont, sie halte die Linke weder für koalitions- noch für regierungsfähig.

Auf den Fluren des NRW-Landtags und der Düsseldorfer Parteizentralen wird deshalb seit Wochen spekuliert, Kraft könnte nach der NRW-Wahl bemüht sein, die Regierungsbildung am Rhein möglichst bis zur Bundestagswahl zu verzögern, um möglichst ihrerseits keine Signale auszusenden, die im Vorfeld der Bundestagswahl falsch verstanden werden könnten – wie zu Beispiel eine große Koalition in NRW, auf die im Bund wirklich niemand mehr Lust hat, und in der auch alle Akteure inzwischen miteinander einigermaßen durch sind.

Parteitaktisch ist das alles durchaus nachvollziehbar. Aber als Wähler bekäme man lieber reinen Wein eingeschenkt.

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