Die ganze Wahrheit über den Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tankfahrzeuge wird wohl nie ans Licht kommen. Nicht der Hergang und auch nicht die Zahl der Opfer, die in der Sprache der Kriegs-Technokraten in Rebellen und Zivilisten aufgeteilt werden.

Aber egal, ob es 50 Tote gegeben hat, wie das Verteidigungsministerium zählt, oder 90 Opfer, wie das Büro von Präsident Karsai rechnet, oder mehr als 150 Menschen, wie Augenzeugen schätzen - ein Blutbad wie Freitag früh hatte es im Verantwortungsbereich der Bundeswehr bisher nicht gegeben.

Und dass die Verantwortlichen in Berlin immer noch von einem "Stabilisierungseinsatz" sprechen, wenn auch von einem "recht robusten, der Kampfhandlungen miteinschließt", klingt bitterböse zynisch. Es herrscht Krieg, auch wenn die Verantwortlichen in Deutschland das Wort weiterhin nicht in den Mund nehmen wollen.

Im Krieg wird übertrieben und heruntergespielt. Die Wahrheit wird geschönt und zurechtgebogen. Es wird gelogen. Gesichert scheint nur zu sein, dass zwei Tankwagen gekapert und die Fahrer getötet wurden, dass ein deutscher Offizier einen Angriff aus der Luft angefordert hat und dass dadurch ein fürchterliches Inferno ausgelöst wurde.

Dass nachts gegen zwei Uhr unzweifelhaft festgestellt werden konnte, dass sich "nur Aufständische vor Ort aufhielten", ist kaum zu glauben. Eher die Schilderung, dass Massen von Dorfbewohnern bei den Tankern waren, um unverhoffte Beute zu machen.

Spätestens mit diesem von Deutschen befohlenen Angriff hat die Bundeswehr ihre Unschuld verloren. Längst lässt sich nicht mehr auseinander halten, wer schützt, wer aufklärt und wer am Ende die Bomben auslöst. Alles ist miteinander verwoben, und allen anders lautenden Beteuerungen zum Trotz werden immer wieder zivile Opfer in Kauf genommen. Was im militärischen Nebel-Jargon "Kollateralschaden" genannt wird.

Uno und Nato werden den Keulenschlag von Kundus und seine Verhältnismäßigkeit untersuchen müssen. Eins haben die Taliban erreicht: Auch in Deutschland wird die Frage nach den Zielen und einem Ende des militärischen Engagements in Afghanistan auf die politische Tagesordnung kommen - spätestens nach der Bundestagswahl.

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