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Von Friedrich Roeingh

Von Friedrich Roeingh

Von Friedrich Roeingh

Wo war sie, die Formel in der Antrittsrede des neuen amerikanischen Präsidenten, die diesen Tag überdauern wird? Wo waren die Fingerzeige, wie Barack Obama die erdrückende Talfahrt der Weltwirtschaft bekämpfen und den Übergang zu einer neuen Weltordnung anpacken will? Wo waren die Botschaften, die sich nicht nur an das amerikanische Volk, sondern an die Milliarden Menschen in aller Welt richteten, die die Vereidigung des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gebannt verfolgt haben? All diese Erwartungen hat Barack Obama gestern nicht erfüllt. Denn er wollte diese Erwartungen offenbar nicht erfüllen.

Statt dessen hat der neue Präsident einen ernsthaften Ton angeschlagen. Er hat die Rhetorik des Wahlkämpfers, mit der er die ganze Welt begeisterte, in seiner Antrittsrede bewusst abgelegt. Er hat sich den absurden Erwartungen an einen Erlöser entzogen, der endlich seine Wunder vollbringen möge. Barack Obama hat eine weniger mitreißende Rede gehalten, als viele von ihm erwartet haben und als er sie hätte liefern können. Er hat sich selbst zurückgenommen, um die Verantwortung für das Gelingen des Wechsels in die Hände des amerikanischen Volkes zu legen. Er hat eine kluge Rede gehalten.

Seine zentrale Botschaft liegt in der Brücke, die er zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten geschlagen hat. Nachdem Obama in den vergangenen Tagen schon Abraham Lincoln vereinnahmte - den Wahrer der Einheit und Kämpfer gegen die Rassenschranken - beschwört er bei seinem Amtsantritt den Geist George Washingtons. Er macht die Überquerung des eisigen Delaware, mit dem sich Washington 1776 im Unabhängigkeitskrieg der sicheren Niederlage gegen die britischen Truppen entzog, zum zentralen Bild seiner Präsidentschaft.

Zum Amtsantritt münzt Barack Obama den Glauben der Nation an ihn in einen Glauben der Nation an sich selbst um. Er macht den Amerikanern bewusst, dass die Wurzeln ihrer glorreichen Geschichte in der Überwindung vermeintlicher Ausweglosigkeit liegt. Als er seine Rede beendet, antworten ihm Hunderttausende mit den Worten, die er sich bewusst verkniffen hat: "Yes, we can." Dass den Amerikanern diese Selbsterlösung gelingt, kann die Welt nur hoffen.

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