Die Beats dröhnen und die Kostüme sind sexy. Michael Graceys „Greatest Showman“ erzählt die Geschichte eines US-Schaustellers aus dem 19. Jahrhundert als knallbuntes Musical-Spektakel.

Drama
Der Leiter des Kuriositätenkabinetts Phineas Taylor Barnum (r., Hugh Jackman) und sein Geschäftspartner Phillip Carlyle (Zac Efron) in einer Szene des Musical-Dramas „Greatest Showman“.

Der Leiter des Kuriositätenkabinetts Phineas Taylor Barnum (r., Hugh Jackman) und sein Geschäftspartner Phillip Carlyle (Zac Efron) in einer Szene des Musical-Dramas „Greatest Showman“.

20th Century Fox

Der Leiter des Kuriositätenkabinetts Phineas Taylor Barnum (r., Hugh Jackman) und sein Geschäftspartner Phillip Carlyle (Zac Efron) in einer Szene des Musical-Dramas „Greatest Showman“.

Vor genau 61 Jahren ist in einer Fachzeitung für Psychologie das erste Mal der Begriff „Barnum-Effekt“ gefallen: Er beschreibt, wie wir Menschen auch bei vagen Beschreibungen oft glauben, es gehe exakt um uns. Horoskope oder Wahrsager nutzen dieses Phänomen mit Formulierungen wie „Im Großen und Ganzen sind Sie selbstsicher, manchmal zweifeln Sie jedoch an Ihren Fähigkeiten.“ Benannt ist der Effekt nach Phineas Taylor Barnum, einem Schausteller und Zirkusbetreiber aus den USA des 19. Jahrhunderts. Er rief damals als Ziel seiner Kuriositätenkabinette mit bärtigen Frauen und siamesischen Zwillingen vor allem eins aus: „Ein bisschen was für jeden!“ Mehr als 200 Jahre nach Barnums Geburt 1810 nimmt sich nun Hollywood der Geschichte des Mannes an – und strickt daraus ein knallbuntes Musical-Spektakel.

Nur lose faktentreu erzählt „Greatest Showman“ von den Höhen und Tiefen beim Aufbau des Unterhaltungsimperiums von P. T. Barnum: Aus einem ersten Museum mit seltsamen Ausstellungsstücken wie Guillotinen und ausgestopften Giraffen wird schnell ein erstes Ensemble mit allerlei verstoßenen Charakteren wie Riesen und siamesischen Zwillingen – und schließlich eine US-Tour mit einer Klassik-Diva ihrer Zeit, die Barnum jenes Ansehen der Oberschicht verschaffen soll, das er sich so verzweifelt wünscht. Nebendran immer der Versuch, einer Frau von gutem Rang und zwei Töchtern gerecht zu werden.

Keine Frage, in diesem Film gibt es vieles, das der bisher als Werbefilmer erfolgreiche Regisseur Michael Gracey und sein Team richtig gut machen. Da ist beispielsweise die Musik von Benj Pasek und Justin Paul, zwei Mittdreißigern, die für ihre „La La Land“-Nummern den Oscar gewannen und auch eines der aktuell erfolgreichsten Broadway-Musicals geschrieben haben. Ihre Songs schnurren als aufgeputschte Pop-Spektakel dahin und könnten in der Mehrzahl problemlos im Radio laufen.

Genau wie auch bei den Kostümen von Ellen Mirojnick setzen sie aber kaum auf historische Genauigkeit, sondern deuten Barnums Geschichte für die Jetzt-Zeit um: Da dröhnen die Beats und da schauen die engen Kleider und gefärbten Haare der Zirkusleute eben eher aus wie aus einer stylishen Vogue-Titelstrecke.

In der Titelrolle zeigt zudem Hugh Jackman mit kerligem Charme, gut vibrierendem Gesang und ausgefeiltem Tanz, warum es außer ihm in Hollywood wohl keinen zweiten Superstar gibt, der einen solchen Film stemmen könnte. Er prägt zweifelsohne das Werk, aber auch Michelle Williams als seine Ehefrau überzeugt; ebenso Zac Efron als Geschäftspartner und Rebecca Ferguson als schwedische Opernsängerin, die eine große Adele-mäßige Ballade raushauen darf.

Doch am Ende muss „Greatest Showman“ sich auch den Vorwurf gefallen lassen, ein etwas liebloser Bombast zu sein. Das Tempo in der ersten guten Stunde ist zwar rasant, doch dann kommt der Film unter anderem mit einem unausgegorenen Liebes-Subplot zwischen Efron und einer Trapezkünstlerin beinahe komplett zum Halt. Das Set-Design wirkt mal nostalgisch-theatral, dann wieder an anderen Stellen computergeneriert und kühl. Und die Botschaft, dass es Barnum mit seinem Zirkus vor allem darum ging, eine Familie für von der Gesellschaft Ausgeschlossene zu schaffen, scheint mühsam behauptet – sie dürfte auch kaum dem kritischen Auge von Historikern standhalten.

Wer zwei Sachen gleichzeitig versucht, macht beide nur halb

Es hilft also, gleich zu Beginn das Gehirn ein wenig runterzudimmen und sich mitnehmen zu lassen von diesem heimeligen Zirkus-Film, der so gerne „Moulin Rouge“ und Charles Dickens kreuzen würde, aber eben letztlich doch zu wenig Herz und Selbstironie besitzt. Wem das gelingt, der erlebt zumindest 105 aufgeputschte Kino-Minuten mit einigen absolut überzeugenden Momenten. Womit wir wieder bei Barnums Motto wären: Bietet der Film „Ein bisschen was für jeden“? Auf jeden Fall. Aber wer immer zwei Sachen gleichzeitig versucht, der macht beides eben auch nur halb.

Wertung: n n n n n

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