Sven Regener, Sänger der Band „Element of Crime“ und Buchautor, über Patentrezepte in der Flüchtlingsfrage, persönlichen Ehrgeiz und ein Theaterstück.

Sven Regener, Sänger der Band Element of crime ist auch als Autor des Romans "Herr Lehmann" bekannt geworden. Das Buch wurde verfilmt und war ein Kinohit.
Sven Regener, Sänger der Band Element of crime ist auch als Autor des Romans "Herr Lehmann" bekannt geworden. Das Buch wurde verfilmt und war ein Kinohit.

Sven Regener, Sänger der Band Element of crime ist auch als Autor des Romans "Herr Lehmann" bekannt geworden. Das Buch wurde verfilmt und war ein Kinohit.

Arno Burgi

Sven Regener, Sänger der Band Element of crime ist auch als Autor des Romans "Herr Lehmann" bekannt geworden. Das Buch wurde verfilmt und war ein Kinohit.

Berlin. Sven Regener sitzt zuhause in Berlin in seinem Sessel. Gemütlich, eigentlich, wenn nicht nacheinander zwölf Journalisten Fragen stellen würden. Je zwanzig Minuten für ein Gespräch, dann fünf Minuten Pause. Über Regeners Bücher wie „Herr Lehmann“ oder „Neue Vahr Süd“. Oder über seine Band Element of Crime, die im April im Düsseldorfer Stahlwerk musiziert. Oder über ganz andere Dinge. Los geht es.

Herr Regener, reden Sie gerne über sich?

Sven Regener: Nein, eher schwierig. Irgendwann tritt so ein Selbsthass ein, dass man denkt: Mein Gott, was bin ich denn für ein Scheißtyp, der die ganze Zeit über sich selbst redet. Wie ekelhaft ist das denn? Was natürlich auch wieder kokett ist, weil man ja weiß, dass das damit zusammenhängt, dass man interviewt wird.

Vielleicht lernt man sich so ganz gut selbst kennen.

Regener: Manchmal kommt man tatsächlich zu Erkenntnissen. Ich habe da schon Dinge erlebt, die ich als Geistesblitze bezeichnen würde. Wobei meine Latte da nicht sehr hoch hängt.

Ich möchte mit Ihnen über das Flüchtlingsthema sprechen. Könnte daraus ein Element of Crime-Song entstehen?

Regener: Vor jedem Lied steht eine gute Idee. Man sollte nicht meinen, man müsste bestimmte Themen abarbeiten, nur weil die aktuell sind oder so, das wäre auch Quatsch. Man würde der Kunst eine kleinere Rolle zuweisen, als sie sie eigentlich hat.

Äußern Sie sich zu politischen Entwicklungen?

Regener: Ich glaube nicht, dass ich da sehr neue, noch nie ausgesprochene Erkenntnisse einbringen kann. Als Musiker muss ich nicht unbedingt auch Politiker sein. Ich habe eine politische Meinung, aber ich bin nicht der Meinung, dass man die unbedingt in die Öffentlichkeit bringen muss, weil man eben Sänger in einer Band ist. Das ergibt für mich irgendwie keinen Sinn.

Manch einer würde sich von Ihnen vielleicht ein wenig Halt erwarten.

Regener: Es gibt keinen Grund, dass jemand, der einen guten Song schreiben, schön singen und Trompete spielen kann, dass der politisch klüger ist als andere. Die Meinung von so einem ist genauso interessant wie die eines jeden anderen. Aber nicht mehr. Nur weil ich jeden Tag Trompete übe, habe ich nicht plötzlich das Patentrezept in Sachen Flüchtlingspolitik. Es ist etwas Antiaufklärerisches, dass einer anderen die Gedanken vorfertigt. Selber denken macht klug. Auch in der Politik.

Hat Politik nichts mit Kunst zu tun?

Regener: Ich bin sehr dafür, die Dinge nicht zu sehr zu vermischen. In der Kunst nehmen wir die Leute ja eher beim Gefühl. Das Gefühl ist immer problematisch in der Politik. Gefühle plus Politik sind eigentlich das Rezept für Populismus. Man nimmt die Leute bei ihren Ängsten und nutzt das. Das gibt es oft eben auch, wenn diese kulturellen Dinge mit ins Spiel kommen. Wir sollten uns im Sinne von Vernunft und Aufklärung darum bemühen, das möglichst zu trennen. Vernunft ist in der Kunst eigentlich völlig uninteressant.

Schön für einen Künstler, sich allein seinen Gefühlen hingeben zu können.

Regener: Ganz genau so ist das. Wir haben einfach eine andere Aufgabe.

Es gibt aber Künstler wie Herbert Grönemeyer zum Beispiel, die sich oft auch politisch zu Wort melden.

Regener: Herbert Grönemeyers Stimme ist so legitim, wie die jedes anderen Menschen. Wenn er meint, er muss sich melden, weil es sonst keiner tut, dann ist das völlig in Ordnung. Das hat aber nicht viel mit seiner Musik zu tun. Ich könnte ja richtig finden, was er da sagt, aber seine Musik nicht mögen. Und ich könnte seine Musik mögen und falsch finden, was er da sagt. Und beides ist in Ordnung. Also gibt es da keinen zwingenden Zusammenhang. Kunst ist Geschmacksache, Politik nicht.Und das ist auch bei dem Thema Flüchtlinge wichtig: Dass man pragmatischer und vernünftiger denkt. Weniger entweder nur mit Angst hantiert oder sich zwanghaft die Lage schön trinkt. Damit hilft man nämlich niemandem, vor allem den Flüchtlingen nicht.

Sind Sie ein ehrgeiziger Typ?

Regener: Ja, glaube ich schon. Aber ich versuche permanent, das zurückzudrängen. Das macht einen ja auch unfrei. Ehrgeiz macht einen abhängig von dem, was andere Leute sagen. So eine Kategorie wie Erfolg – das ist ja keine künstlerische Kategorien. Ich will mich nicht ständig fragen: Werden das die Leute lieben? Das bringt ja nichts.

Keine Sehnsucht nach einem großen Hit?

Regener: Das kannst du nur zu einem gewissen Teil beeinflussen. Das hat auch damit zu tun, in welchem Umfeld was herauskommt. Ich hatte einen großen Hit, das war das Buch „Herr Lehmann“. Wenn das ein Jahr früher oder später herausgekommen wäre, wäre das vielleicht nie so eingeschlagen. Da gibt es ganz viele Imponderabilien. Da ist man auch Spielball der Kräfte.

Was passiert, wenn Ihren Bandkollegen Ihre Texte nicht gefallen?

Regener: Dann würden wir das Stück sausen lassen. Wir pflegen die negative Demokratie. Wenn einer sagt: ich möchte nicht in dieser Fernsehshow spielen, dann wird das nicht gemacht. So kann man mich auch nicht zwingen, einen Text noch einmal neu zu schreiben. Weil ich ja mit einem Text gekommen bin, den ich gut finde.

Streiten sie oft?

Regener: Nein, nein. In den ersten zehn Jahren sehr viel. Irgendwann hat man aber auch begriffen, was man an den anderen hat. Dass man ja nicht ohne Grund diese Band die ganze Zeit macht. Ich habe zum Beispiel noch nie ein Soloalbum gemacht, weil ich das überhaupt nicht will. In dem Moment, wo der Sänger ein Soloalbum macht, ist so eine Band ja auch beschädigt und kaputt. So eine Band ist was ganz Kostbares, die hat man auch nur einmal im Leben.

Deswegen spielen Sie einfach immer weiter?

Regener: Ja, genau. Wenn es diese Band erst einmal nicht mehr gibt, dann kommt die auch nie mehr wieder.

Und macht der Verlag schon Druck, dass das nächste Buch zu liefern ist?

Regener: Nein, der Verlag kann gar keinen Druck machen. Das ist ja das Tolle: Viele Leute denken, wenn man Erfolg hat, würde einen das unter Druck setzen. Aber es kann einen auch freier machen. Man ist niemandem etwas schuldig, kommt finanziell klar und kann machen, was man will. In dieser Befreiung sind wir auch mit der Band ziemlich weit gediehen. Und ich mache dann eben als nächstes ein Theaterstück – und kein Buch. Oder was ganz anderes, wer weiß das schon.

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