Der Bildhauer Gregor Schneider und die evangelische Kirche mussten ihr Kunstprojekt stoppen.

Gregor Schneiders Projekt für Kassel bestand aus Tempelresten, Götterbildern und Ganges-Schlamm.
Gregor Schneiders Projekt für Kassel bestand aus Tempelresten, Götterbildern und Ganges-Schlamm.

Gregor Schneiders Projekt für Kassel bestand aus Tempelresten, Götterbildern und Ganges-Schlamm.

Die Aktionskünstlerin Siglinde Kallnbach protestiert gegen die Zensur durch die Documenta-Chefin.

Schneider/Meister, Bild 1 von 2

Gregor Schneiders Projekt für Kassel bestand aus Tempelresten, Götterbildern und Ganges-Schlamm.

Mönchengladbach/Kassel. Seit den 1980er Jahren organisiert die evangelische Landeskirche mit den Kasseler Stadtkirchen Kunstprojekte in Kassel zur Documenta, stets verlief die Zusammenarbeit friedlich. Für dieses Jahr hatte sie sich Gregor Schneider auserkoren, einen der wichtigsten Künstler Deutschlands.

Der wollte sein Kalkutta-Projekt unter dem Titel „it’s all Rheydt“ („Alles ist Rheydt“) in der evangelischen Karlskirche präsentieren. Doch der Documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld beschied der Kirche unvermutet, Schneiders Projekt sei „Trittbrettfahrerei“ und drohte mit juristischen Schritten. Die Kirche zog die Aktion zurück.

Nun erreicht des Künstlers Zorn einen neuen Höhepunkt: Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev behauptete zur Vernissage vor der versammelten internationalen Presse, sie habe nichts zensieren wollen und würde dies nie tun.

Gregor Schneider kontert: „Soll das heißen, die Kirche und ich hätten die Unwahrheit gesagt? Nicht wir, sondern die Documenta lügt! Ich war mit der Projektleiterin der Documenta in Kalkutta, um über Kunst im öffentlichen Raum zu sprechen. Und nun will Christov-Bakargiev nichts gewusst haben?“

Aktionskünstlerin Kallnbach spricht von „Blamage für die Leiterin“

Vor dem Kongress-Palais in Kassel protestierte die Aktionskünstlerin Siglinde Kallnbach und sprach von einer „Blamage für die Leiterin“.

Gregor Schneider wurde 1969 in Rheydt geboren, das heute zu Mönchengladbach gehört. Er studierte u.a. in Düsseldorf und lehrt seit 2009 als Professor für Bildhauerei an der Universität der Künste in Berlin.

Sein Elternhaus, Unterheydener Straße in Rheydt, baute er in den Deutschen Pavillon in Venedig ein und erhielt dafür den Goldenen Löwen. Sein „Sterbezimmer“ wurde heftig diskutiert und in Krefeld abgelehnt.

Schneider sieht es ähnlich: „Das Verhalten der Documenta ist zynisch und beschämend. Sie benutzte sogar die Absage meines Projekts, um den Bildhauer Stephan Balkenhol von seinem Plan für die katholische Elisabethkirche abzubringen. Nun will sie nichts zensiert haben? Ich bin fest entschlossen, mein Vorhaben umzusetzen.“

Tempel der Göttin Durga mit einer Außenhaut aus Rheydter Asphalt

2011 hatte sich der Beirat der evangelischen Landeskirche für Gregor Schneiders kühnes Projekt in oder vor der Karlskirche entscheiden. Der Künstler bringe westliche zeitgenössische Kunst und indische Tradition zusammen. Jurymitglied Pfarrer Karl Waldeck nannte es einen „überzeugenden Beitrag zum interreligiösen Dialog“.

Schneider ließ sich in Kalkutta einen temporären Tempel für die Göttin Durga bauen und nahm für die Außenhaut ein Stück Straße samt Bürgersteig aus seiner Heimatstadt Rheydt. Nach den Feiern wurde sein Werk in einer rituellen Prozession in den Ganges geworfen, mitsamt Schlamm und heiligem Wasser herausgezogen und in Schneiders Atelier gebracht. Von dort sollte es in die Karlskirche kommen.

„In der Theorie sind alle Menschen tolerant, jedoch häufig nicht in der Praxis.“

Gregor Schneider, Künstler

Der Minister von Westbengalen, Subrata Mukherjee, sähe den „indogermanischen Freundschaftsbeweis“ auch gern in Kassel. Thomas Erne, Professor für Kirchenkunst in Marburg, erklärt: „Carolyn Christov-Bakargiev erhebt eine hegemoniale Position, wie sie die katholische Kirche im Mittelalter im Umgang mit ihren Kritikern einnahm.“

Kommentar des Künstlers: „In der Theorie sind alle Menschen tolerant, jedoch häufig nicht in der Praxis.“

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