78 Menschen wohnen ein Jahr in Problemstadtteilen. Ihre Beobachtungen dokumentieren sie in Tagebüchern.

Die Projektteilnehmer wohnen mietfrei – dafür halten sie ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.
Die Projektteilnehmer wohnen mietfrei – dafür halten sie ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.

Die Projektteilnehmer wohnen mietfrei – dafür halten sie ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.

dpa

Die Projektteilnehmer wohnen mietfrei – dafür halten sie ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.

Dortmund. Keine Woche ist es her, als in Essen das Kulturhauptstadtjahr Ruhr2010 feierlich eröffnet wurde, da beginnt auch schon eine zentrale und wohl einzigartige Kunstaktion. In drei Siedlungen in Duisburg-Hochfeld, Mülheim und Dortmund werden über das ganze Jahr 2010 78 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten wohnen.

Das Besondere daran: Die neuen Bewohner der bisherigen Problemstadtteile zahlen ihre Miete nicht in Form von Geld, sondern verfassen als Gegenleistung für den von Sponsoren sanierten und zur Verfügung gestellten Wohnraum gemeinsam einen Text.

Die Teilnehmer des Kulturprojekts sind nicht nur Künstler und Literaten, sondern auch Menschen, die bislang weniger als Kulturschaffende auffielen. Durch ein spezielles Computerprogramm können die neuen Bewohner seit Anfang des Jahres kurze Texte verfassen, die nach wenigen Minuten auf den Bildschirmen der zur Verfügung gestellten Notebooks verschwinden und erst zum Jahresende wieder erscheinen. Auch Besucher und Nachbarn des lebenden Kunstwerkes sind eingeladen, sich als Autoren zu betätigen. Der gesamte Text soll dann Anfang 2011 in Buchform erscheinen.

Das Projekt "2 - 3 Straßen" ist eine typische Idee von Projektleiter Joachim Gerz. Oft arbeitet der 69-Jährige mit Texten, die von Alltags-Schreibern verfasst oder im Verborgenen gesammelt werden. Diesmal hat sich der gebürtige Berliner für beide Techniken entschieden. Dabei geht es dem Künstler nicht darum, ein statisches Werk als Objekt zu schaffen, sondern er will, vergleichbar vielleicht mit den späteren Arbeiten eines Joseph Beuys, soziale Skulpturen herstellen und die Gesellschaft so verändern. Dies betonte Gerz jetzt bei der Vorstellung des Projektes: "Das Konzept passt zur Kunst, zur Politik und auch zur Ruhr."

Weniger der materielle als der ideelle Strukturwandel treibt den Künstler dabei an. "Guckt nicht auf die Qualität der Treppenhäuser, guckt auf die Qualität der Kommunikation - die Menschen sind unsere größte Ressource."

78 Kulturschaffende aus Deutschland, Österreich, Schweiz, der Niederlande, der Slowakei, Marokko, Russland und Japan leben ein Jahr in 57 Wohnungen im Ruhrgebiet.

Nach Anmeldung per E-Mail (besucher@2-3strassen.eu) können die Wohnungen besichtigt werden.

Gerz lebt inzwischen in Irland, ist aber wegen seiner Kunstprojekte oft im Ruhrgebiet zu Besuch. Er glaubt, dass es im Revier einer besonderen Art von Kunst bedarf, damit diese zu den hier lebenden Menschen kommen kann. "Ich frage mich, wie sich das reichhaltige kulturelle Angebot des Ruhrgebiets in die Gesellschaft übersetzt. Ich habe den Eindruck, dass es nicht aus den Museen herauskommt."

Insofern werden gerade die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den alten und neuen Bewohnern der drei Straßen einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung des Kunstwerks und auch der Stadtquartiere haben.

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