Der große Virtuose Alfred Brendel wird 80 Jahre alt und ist auch als Autor erfolgreich.

Porträt
Alfred Brendel: „Ich bin nicht jemand, der Wurzeln sucht oder braucht. Das hat mich der Krieg gelehrt.“

Alfred Brendel: „Ich bin nicht jemand, der Wurzeln sucht oder braucht. Das hat mich der Krieg gelehrt.“

Alfred Brendel: „Ich bin nicht jemand, der Wurzeln sucht oder braucht. Das hat mich der Krieg gelehrt.“

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Alfred Brendel: „Ich bin nicht jemand, der Wurzeln sucht oder braucht. Das hat mich der Krieg gelehrt.“

London. Seit seiner Abschiedstournee vor zwei Jahren hat der Pianist Alfred Brendel die Konzertbühne kaum vermisst – sagt er. Denn er hat immer noch ein volles Programm: Vorträge über Musik führen ihn von London nach München, Wien und Paris. Lyrik und Literatur sind für ihn zur „zweiten beruflichen Beschäftigung“ geworden. Am Dienstag wird Brendel, einer der bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts, 80 Jahre alt.

Ein „Geburtstagstribut“ auf CD – die Veröffentlichung eigener Archivaufnahmen – markiert den Ehrentag geschäftlich. Der britischen Zeitung „Daily Telegraph“ sagte er kürzlich: „Als ich mich von der Konzertbühne zurückzog, habe ich gedacht, alle würden mich vergessen. Es ist sehr schön zu erleben, dass das Gegenteil der Fall ist.“

Er schreibt auch – brillante Essays über Musik und skurrile Gedichte

„Ich führe eine Art Doppelleben“, sagt Brendel, der sich schon seit Jahren auch literarisch betätigt. So hat er brillante Aufsätze zu musikalischen Themen vorgelegt, beschäftigt sich etwa in dem Band „Nachdenken über Musik“ mit Schubert, Liszt, Mozart und natürlich Beethoven – dessen 32 Sonaten hat er dreimal eingespielt.

Er überrascht aber auch mit teils skurrilen, teils anarchischen, teils frivolen Gedichten. Seinen ersten Band „Ein Finger zuviel“ hat er nach dem von ihm vermissten dritten Zeigefinger benannt, mit dem ein Pianist im Spiel schwierige Passagen ankündigen oder den Huster im Saal tadeln kann. Ein anderes Gedicht dreht sich um die „Drei Tenöre“, die der Verpackungskünstler Christo auf dem Balkon der Mailänder Scala einwickelt.

Manche Kritiker werten diese Gedichte als Ventil, mit dem der Pianist, der für kompromisslose Werktreue steht, den Druck der „eisernen Kontrolle“ ablässt, die sein musikalisches Schaffen begleitet hat. Brendel lächelt dazu.

Alfred Brendel (geb. am 5. Januar 1931 im nordmährischen Wiesenberg) wuchs zunächst auf der Adria-Insel Krk auf, wo seine Eltern eine Pension hatten. 1943 zog die Familie nach Graz, dort studierte er Klavier und Komposition. 1949 begründete er seine Karriere als Preisträger beim Busoni-Wettbewerb in Bozen. 1950 zog er nach Wien, 1971 nach London. Seine Tochter Doris stammt aus erster Ehe. 1975 heiratete er Irene Semler. Mit ihr hat er den Sohn Adrian (er ist Cellist) und die Töchter Katharina und Sophie.

Alfred Brendel: „80th Birthday Tribute“, 2 CD, Decca. Zu den Archivaufnahmen aus den Jahren 1985, 2002 und 2007 gehören zwei bisher unveröffentlichte Klavierkonzerte, Brahms’ Nr. 1 und Mozarts Nr. 25, die zu Brendels Lieblingsaufnahmen zählen.

 

„Über Musik“. Sämtliche Essays und Reden. Piper-Verlag 2007, 544 S., 14, 95 Euro. „Spiegelbild und schwarzer Spuk“ Gedichte, Hanser-Verlag 2003, 296 S. 19,90 Euro.

Brendel rezitiert Gedichte am 5. Februar um 20 Uhr im Erholungshaus in Leverkusen, Nobelstraße 37. Musikalisch begleitet ihn das Signum-Quartett.

Wenn ihm der Stoff für sein „literarisches Leben“ ausgehe, wende er sich dem Musikalischen zu, sagt er. Aber die Musik ist für Brendel nicht alles. Lachen, so sagt er einmal, sei seine Lieblingsbeschäftigung.

Die Möglichkeit, Vorträge über Musik zu halten, hilft Brendel, seine Musikalität weiterzuentwickeln. „Ich merke, wenn ich lehre, wie sich die Klarheit und Geschwindigkeit meiner musikalischen Vision verbessern“, sagte er. „Obwohl ich aufgehört habe zu spielen, entwickelt sich meine Musikalität fort.“

„Die beste Musik kommt fast immer aus Mitteleuropa“

Der gebürtige Österreicher zählt Deutsche, Österreicher, Italiener und Slawen zu seinen Vorfahren. Die Musik von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert gefalle ihm „von der Qualität her“ am besten, sagte er einmal. Er habe immer versucht, für sein Repertoire „die beste Musik zu finden, die es gab. Und das meiste davon kommt aus Mitteleuropa, daran geht kein Weg vorbei.“

Brendel, dessen Eltern keine Musiker waren, sieht sich nicht als Wunderkind. Einem Grammophon, so sagt er, sei er erstmals im Alter von drei Jahren begegnet, als er im Hotel seines Vaters Schallplatten für die Hotelgäste auflegte. Mit sechs Jahren begann er, Klavier zu spielen.

Brendel, der seit 1971 in London lebt und ein Landhaus in Dorset in Westengland besitzt, zog es in jüngsten Jahren vermehrt zu Reisen nach Deutschland und Österreich. Aber die Vermutung, er könne sich auf der Suche nach seinen Wurzeln von seiner englischen Wahlheimat abwenden, weist er zurück.

„Ich bin nicht jemand, der Wurzeln sucht oder braucht. Ich möchte so kosmopolitisch wie möglich sein. Ich ziehe es vor, zahlender Gast zu sein. Das ist eine Lektion, die ich im Krieg gelernt habe, wehre dem Nationalismus.“

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