In seinen Rollen hatte Philip Seymour Hoffman oft mit Abgründen zu kämpfen. Nun haben sie ihn im wahren Leben eingeholt.

Schon optisch passte Philip Seymour Hoffman nicht ins Glitzergeschäft: Er war wie gemacht für die Rolle des einsamen Außenseiters.
Schon optisch passte Philip Seymour Hoffman nicht ins Glitzergeschäft: Er war wie gemacht für die Rolle des einsamen Außenseiters.

Schon optisch passte Philip Seymour Hoffman nicht ins Glitzergeschäft: Er war wie gemacht für die Rolle des einsamen Außenseiters.

Reuters

Schon optisch passte Philip Seymour Hoffman nicht ins Glitzergeschäft: Er war wie gemacht für die Rolle des einsamen Außenseiters.

New York. Ein blasser, dicklicher Krankenpfleger sitzt am Totenbett eines alten Mannes. Per Telefon hat er sich Essen ins Haus des Sterbenden geordert und zum Zeitvertreib ein paar Sex-Magazine. Menschen in den Tod zu begleiten, ist sein Job. Er hört zu, schweigt und wartet.

Doch da ist etwas, das ihn nicht loslässt: Er greift zum Hörer und ruft den Sohn des alten Mannes an, der seit Jahren keinen Kontakt zu seinem Vater hat. Er fleht ihn an, für einen letzten Besuch nach Hause zu kommen. Er wisse, es sei lächerlich, sagt der Pfleger, und es klinge wie eine Filmszene: „Doch das ist die Szene, in der Sie mir helfen können.“

Klischees ließ der Schauspieler einfach an sich abprallen

Mit diesem Auftritt in Paul Thomas Andersons Meisterwerk „Magnolia“ (1999) wurde Philip Seymour Hoffman endgültig bekannt, und die kurze Sequenz enthält bereits alles, was ihn zu einem herausragenden Darsteller seiner Generation werden ließ. An Hoffman, der am Sonntag tot, mit einer Heroinspritze im linken Arm, in seiner New Yorker Wohnung gefunden wurde, prallten Klischees einfach ab. Er konnte selbst ausgelutschte Dialoge so sprechen, als seien sie nie zuvor geschrieben worden.

Vielleicht hatte das auch mit seinem Aussehen zu tun. Optisch passte Hoffman nicht ins Glitzergeschäft: Er wog zu viel, und er schwitzte, sein Blick wirkte oft melancholisch, sein Lächeln ironisch distanziert. Er war wie gemacht für die Rolle des einsamen Außenseiters, doch er suhlte sich nicht darin. Hoffman gehörte nicht zur Sorte Schauspieler, die Szenen an sich reißen. Oft war er am stärksten, wenn er schwieg – auch das ist in „Magnolia“ schon zu sehen.

Über Jahre bewies er diese seltene Fähigkeit in exquisiten Nebenrollen: in Andersons „Boogie Nights“ (1997) als unglücklich verliebter Homosexueller im Pornogeschäft, in „The Big Lebowski“ (1998) als nervöser Brandt, in „Almost Famous“ (2000) als väterlicher Musikkritiker und wieder bei seinem frühen Mentor Anderson als cholerischer Matratzenhändler in „Punch-Drunk Love“ (2002).

Sein größter Triumph: die fast gruselige Verkörperung Capotes

Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman wurde am Sonntag tot in seiner New Yorker Wohnung gefunden. Seit gestern gilt Rauschgift als vermutliche Todesursache. Die New York Times berichtet, der Schauspieler sei mit einer Spritze im linken Arm entdeckt worden – neben ihm Umschläge mit Heroin. Aus seiner Rauschgift- und Alkoholsucht hat Hoffman nie ein Geheimnis gemacht. Zuletzt hieß es jedoch, der Schauspieler sei nach einem Entzug clean.

In diesem und im nächsten Jahr sollte Hoffman in den Fortsetzungen des Kinohits „Die Tribute von Panem“ auftreten.

Dann kamen die größeren Rollen. Hoffman bewies, dass er Filme tragen kann. Sein größter Triumph folgte 2006: ein Oscar für „Capote“, seine fast gruselig lebensnahe Verkörperung des exzentrischen Schriftstellers.

Auch für „Glaubensfrage“ (2007) war er nominiert: Sein Priester Brendan Flynn, der beschuldigt wird, sich an einem Jungen vergangen zu haben, blieb ein grässliches Rätsel. Sein letzter Geniestreich, der charismatische Sektenführer in „The Master“ (2012), gelang wieder unter Andersons Führung. Sein eigenes Regiedebüt, der bittersüße Liebesfilm „Jack in Love“ (2010) war wie ein Versprechen, das nun unerfüllt bleiben wird.

Philip Seymour Hoffman ist nur 46 Jahre alt geworden. Die Abgründe, die er in seinen Filmen so meisterhaft anzudeuten verstand, scheinen ihn im wahren Leben eingeholt zu haben.

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