Wolfgang Niedeckens Lieder sind Lebensanker für ihn wie für sein Publikum. Und sie funktionieren auch nach 40 Jahren noch.

Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedeckens Lieder sind Lebensanker für ihn wie für sein Publikum. Und sie funktionieren auch nach 40 Jahren noch. (Archivfoto)

Wolfgang Niedeckens Lieder sind Lebensanker für ihn wie für sein Publikum. Und sie funktionieren auch nach 40 Jahren noch. (Archivfoto)

Marius Becker

Wolfgang Niedeckens Lieder sind Lebensanker für ihn wie für sein Publikum. Und sie funktionieren auch nach 40 Jahren noch. (Archivfoto)

Düsseldorf. Es gibt Musiker, deren Leben lässt sich entlang ihrer Lieder erzählen – weil sie es darin immer wieder zum Thema machen. Und es gibt Menschen, denen Musiker zu Lebensbegleitern werden – weil sie einzelne Lebensstationen mit bestimmten Liedern verbinden. Wenn Wolfgang Niedecken 40 Jahre nach den BAP-Anfängen auf sein Publikum trifft, ist das daher für beide Seiten eine Zeitreise.

Schon der zweite Song in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle katapultiert die BAP-Gemeinde in die Frühphase. „Ne schöne Jrooß“ vom zweiten Album „Affjetaut“ – das war doch damals die Hymne jener Pubertierenden, die sich unverstanden fühlten und umgeben von all denen, „die unfehlbar sind“. Die später dann vielleicht durch die Kölner Südstadt gestreift sind auf der Suche nach den Orten aus den Songs – vom „Chlodwig Eck“ bis zur „Moselstrooß, beim Jet“.

Die irgendwann auch mal zu Niedecken auf Distanz gingen, wie man zu seinen Eltern oder anderen Vorbildern auf Distanz gehen muss, wenn man zu viele gute Absichten und Appelle nicht mehr erträgt. Und die jetzt ergraut in Düsseldorf in den Reihen sitzen und froh sind, dass es so einen wie ihn immer noch gibt.

Bewegungsradius auf den Mikrofonnahbereich begrenzt

65 Jahre ist Niedecken mittlerweile alt, seine hyperaktiven Schellenring-Wedeleien hat er hinter sich gelassen, die Gitarrenschlagtechnik minimalistisch reduziert, den Bewegungsradius auf den Mikrofonnahbereich begrenzt. Jetzt lenkt nichts mehr davon ab, was ihn am allermeisten auszeichnet: ein großartiger Geschichtenerzähler zu sein – seines Lebens und seiner Heimatstadt.

Dass der Abend dabei nicht zur nostalgischen Seniorenanbetung gerät, dafür sorgt Niedeckens Band. Von der Ursprungsbesetzung ist außer ihm selbst niemand mehr dabei. Manchen Hardcore-Fans gilt das als Verrat an der großen gemeinsamen Sache. Dabei sind die fünf Begleiter der pure Genuss.

Wie sich Gitarrist Ulrich Rode bei „Do kanns zaubre“, dem Liebeslied für die Ewigkeit, mit warmen Jazzgitarrenläufen langsam zum berühmten Major-Heuser-Riff vorarbeitet; wie seine multibegabte Frau Anne de Wolff ein Instrument nach dem anderen in die musikalische Waagschale wirft, das ist Spielfreude in Reinform.

Schlagzeuger Sönke Reich, jünger als der BAP-Hit „Verdamp lang her“, entzündet auf seiner Minischießbude ein druckvolles Feuerwerk, Keyboarder Michael Nass bringt die Hammond-Orgel zum Jaulen, dass es eine Freude ist, und Bassist Werner Kopal, nach Niedecken mittlerweile der Dienstälteste in der Band, schnürt das musikalische Stützkorsett so eng zusammen, dass an diesem Abend wirklich niemand auf die Idee kommt, 40 Jahre BAP könnte irgendwie für einen aus der Form geratenen Altherrenrock stehen.

Auf „Do kanns zaubre“ zum Abschluss des „Liebeslieder-im-Sitzen-Blocks“ folgen Standing Ovations und dann mit „Kristallnaach“ und „Arsch huh“ ein paar politische Bekenntnisstücke, die schon seit Jahren mit dem Etikett „immer noch aktuell“ angekündigt werden können. Geschenkt. Für seine Haltung kann man W. N. achten. Für seine Zeitreisen in die Südstadt seiner Kindheit, an den Straßenrand beim Alliierten-Einzug und durch das Chargesheimer-Köln muss man ihn lieben.

„Hört mir noch einer zu?“, fragt sich der Quartals-Melancholiker Niedecken im Song „Alles relativ“ auf der jüngsten CD „Lebenslänglich“. Ja, immer wieder gerne – auch ein Leben lang.

 

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