Stimmungsschwankungen sind für Gisbert zu Knyphausen nichts Besonderes. Im Gegenteil: Er macht charmante Songs daraus.

Düsseldorf. Nach sprachlichen Klischees kann man in den Texten von Gisbert zu Knyphausen lange suchen. Und finden wird man sie nur vereinzelt - gut versteckt zwischen Zeilen, die mit sanfter und unaufdringlicher Poesie von Momenten im Leben erzählen, in denen alles auf Null gestellt wird.

Trennungen, persönliche Unzulänglichkeiten, Verlorenheit: Niemand schreibt und singt in Deutschland zurzeit eindringlicher über diese vielen kleinen Krisen, die so groß wirken, sobald sie einen wie zu Knyphausen heimsuchen.

Wenn man dem 30-Jährigen auch noch sagt, dass er angenehm kitschfrei texten kann, wird er verlegen. "Echt? Dabei halte ich das, was ich mache, für ein einziges großes Klischee." Er lacht, zurückgenommen und ehrlich. "Dieses ganze Ding vom ,Lonesome Songwriter’ ist doch ein Stereotyp. Man kann sich dagegen sowieso nicht wehren. Irgendwo entspricht man auch dem einen oder anderen Klischee. Die gibt es schließlich nicht umsonst!"

Trotz aller Melancholie strahlen die Songs Zuversichtlichkeit aus

Die Angst davor, vorhersehbar zu sein, treibt zu Knyphausen dazu, tage- oder wochenlang an seinen Texten zu feilen. Er nennt das, "die einzelnen Puzzleteile zu einem sinngebenden Ganzen zusammenfügen".

Es sind gedrechselte Wortbilder, die er schafft, wenn er beispielsweise vom "buckligen Winter" als einer Phase singt, die es zu überwinden gilt, damit wieder bessere Zeiten kommen können. Denn auch das ist prägnant an den Texten von zu Knyphausen. Sie strahlen trotz aller Melancholie eine beruhigende Zuversichtlichkeit aus.

Es ist schwer zu sagen, welchen Song man am besten findet, denn gut sind sie irgendwie alle. Allerdings ist es stark stimmungsabhängig, welches der elf Lieder man gerade favorisiert. Bei manchen kann es sogar vorkommen, dass man sie in einem Moment kategorisch ablehnt, während man sie in einem anderen immer und immer wieder hören will. "Dreh dich nicht um" ist der Paradefall, ein Song über das Scheitern einer Beziehung durch Leerlauf. Niemand ist sich böse, gegenseitiges Einvernehmen nennt man das, aber der Moment, in dem die Trennung endgültig wird, schmerzt dann doch. Das direkte Gegenteil dazu: der Titelsong "Hurra, Hurra! So nicht". Hier wird mit Dreck geworfen, um den Partner in die Wüste zu schicken. Roh und rücksichtslos. So schafft es zu Knyphausen bei seinen Liedern mit leiser Poesie, unverbrauchten Texten und einem feinen Gespür für melodiöse Wehmut, kleine Geschichten über das Leben zu entwerfen, in denen man sich zwangsläufig wiederfindet, weil man es so oder ähnlich schon erlebt hat.

"Das stimmt", bestätigt der Wahl-Hamburger. "Ich durchlebe zwar immer wieder melancholische Phasen, die auch extrem sein können. Aber ich bin nicht verbittert." Woher rührt dann der Hang zur Schwermut? "Ich weiß nicht. Das habe ich schon, seit ich denken kann. Immer wieder kamen Abschnitte, in denen ich eine große Leere verspürte. Und die musste ich füllen."

Musik als Therapie, Songs als Ventil, den Weltschmerz zu verarbeiten. Am besten macht man das, indem man der Melancholie eine eigene Ode dichtet, sie als willkommenen Gefährten akzeptiert, sie aber auch hin und wieder gerne zum Teufel wünschen würde. Angefangen hat zu Knyphausen mit der Musik erst relativ spät. Klar, er hatte bereits in Bands gespielt, "aber selbst zu singen oder gar zu texten, hätte ich mich nie getraut, dazu war ich viel zu schüchtern".

Mit Anfang 20 verlässt der gebürtige Hesse, der mit vollem Namen Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen heißt, die Beschaulichkeit des Rheingaus und die Bodenständigkeit des elterlichen Winzerguts und versucht es in Berlin. Für Musikwissenschaften ist er dort eingeschrieben, nach einem Semester schmeißt er hin.

"Wenn man nichts mit sich anzufangen weiß, ist so eine große Stadt wie Berlin genau das Falsche." Er geht nach Nijmegen, studiert dort Musiktherapie. "Wahrscheinlich habe ich das auch gemacht, um meine dunkle Seite etwas besser zu begreifen." Zu Knyphausen lacht. "Auch das ist ja irgendwie ein Klischee."

"Das Lampenfieber pumpt mich auf!"

Ja, wenn man genauer hinsieht, dann werden sie offenbar, die vielen kleinen Klischees, die den Liedermacher Gisbert zu Knyphausen so glaubwürdig erscheinen lassen: Er ist Kettenraucher, kann auf der Bühne in seinen Songs regelrecht versinken und hat sich bisweilen für einen Auftritt auch schon mal Mut angetrunken. "Früher habe ich so mein Lampenfieber bekämpft", sagt er. "Mittlerweile kann ich die Angst ganz gut für mich nutzen. Das Lampenfieber pumpt mich auf."

Auch die Schüchternheit beherrscht ihn nicht mehr. Deswegen gibt es auf seinem zweiten Album nicht nur introvertierten Gitarren-Folk mit intelligent verschrobenen Texten, Marke: Element of Crime.

Nein, gleich zu Beginn, im fordernden "Hey", prasselt der Gitarrenlärm auf den Zuhörer hernieder. "Ich habe schon Spaß am Krachmachen." Zu Knyphausen überlegt kurz. "Für unsere Verhältnisse wird’s auch bei Liveauftritten recht laut." Dann lacht er wieder. "Eine Punkband sind wir deswegen aber noch nicht."

Da bleibt der 30-Jährige dann doch lieber beim Klischee. Das liegt ihm. Und er hat einen eleganten Weg gefunden, sich davor zu schützen, als Gitarrenromantiker mit Lagerfeuercharme abgestempelt zu werden.

In "Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen" tritt er die Flucht nach vorne an und singt unverblümt von all diesen Momenten, die gerne in die Kitschecke verbannt werden. Da wird nicht bemüht drumherum gesungen. Da wird offen geschwärmt. So wie’s sich gehört.

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