Zwei grandiose CDs des Pianisten erscheinen zum 20. Todesjahr.

Düsseldorf. Der amerikanische Pianist russisch-jüdischer Herkunft Vladimir Horowitz (1904-1989) gilt vielen als der größte Pianist des 20. Jahrhunderts. Seine Konzerte waren binnen Stunden ausverkauft. So war es auch im Mai 1986 bei seiner Rückkehr nach Berlin, wo Horowitz 1926 seine Weltkarriere begonnen hatte.

Anlässlich des 20. Todestages des Ausnahmepianisten am 5. November ist nun erstmals die komplette Radioübertragung (samt Moderationen und Pausen-Interview mit Horowitz’ langjährigem Steinway-Klaviertechniker Franz Mohr) auf einer Doppel-CD veröffentlicht worden.

Das reich bebilderte Booklet zeigt unter anderem den damals 82-Jährigen nachdenklich auf einer Parkbank des Berliner Zoos sitzend, abfotografiert ist auch die reißerische Aufmachung eines Boulevardblatts nach dem Konzert mit der Schlagzeile "Himmlischer Horowitz: Berliner weinten in der Philharmonie".

Im hohen Alter ist der legendäre Virtuose mit seinen akrobatischen manuellen Fähigkeiten nunmehr zu einem Tasten-Poeten herangereift. Noch immer beeindruckt der alte Herr mit feinster Fingertechnik (etwa bei komplizierten Liszt-Passagen), doch das neue Horowitz-Phänomen besteht aus einer subtilen, entrückten Piano-Zartheit, die fast unwirklich scheint.

Solch singuläre Alterskunst zeigt sich sowohl in drei Sonaten von Domenico Scarlatti als auch in Robert Schumanns "Kreisleriana", mehreren Mazurken Frédéric Chopins sowie Klavierstücken der russischen Spätromantiker Alexander Skrjabin und Sergej Rachmaninow. Das Publikum jubelt, tobt und feiert Horowitz wie einen Rockstar. Das sind Temperamentsausbrüche, die bei Besuchern klassischer Konzerte nur sehr selten zu beobachten sind.

Horowitz hielt sich nicht immer an den Notentext und improvisierte

Eine weitere Erstveröffentlichung reicht zurück ins Jahr 1948. Die New Yorker Carnegie-Hall öffnete ihr Privatarchiv und präsentiert Konzertmitschnitte aus einer Zeit, da sich Horowitz auf dem Höhepunkt seiner schon dem Diabolischen nahen Virtuosität befand.

Auf dem Programm standen Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" und die h-Moll-Sonate von Franz Liszt. Wie so oft hält sich Horowitz nicht ganz strikt an den Notentext und improvisiert - vor allem bei Mussorgsky - noch einige Extravaganzen hinzu.

Für Puristen mag dies ein Menetekel des schlechten Geschmacks darstellen, doch spielt Horowitz alles mit solcher Klanggewalt und Mystik, dass eine immense Spannung entsteht. Den Jahrhundert-Pianisten hatte praktisch kein späterer Kollege versucht nachzuahmen.

Zwar spielt der Russe Arcadi Volodos gelegentlich Horowitz’ Spezialbearbeitungen nach, doch das Geheimnis eines des Irdischen enthoben scheinenden Klavierspiels nahm der große Zauberer Vladimir mit ins Grab.

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