Mit „Ho Hey“ gelang der US-Combo The Lumineers in ihrer Heimat der Überraschungs-Hit 2012. Ihr Debüt fasst die bereits zehnjährige Bandgeschichte zusammen.

Plötzlich erfolgreich: The Lumineers sind Neyla Pekarek, Wesley Schultz und Jeremiah Fraites (v.l.).
Plötzlich erfolgreich: The Lumineers sind Neyla Pekarek, Wesley Schultz und Jeremiah Fraites (v.l.).

Plötzlich erfolgreich: The Lumineers sind Neyla Pekarek, Wesley Schultz und Jeremiah Fraites (v.l.).

Plötzlich erfolgreich: The Lumineers sind Neyla Pekarek, Wesley Schultz und Jeremiah Fraites (v.l.).

Universal, Bild 1 von 2

Plötzlich erfolgreich: The Lumineers sind Neyla Pekarek, Wesley Schultz und Jeremiah Fraites (v.l.).

Düsseldorf. Beinahe wäre es ganz anders gekommen. Die Geschichte von The Lumineers beginnt mit einer Freundschaft – und ihrem tragischen Ende: Wesley Schultz und Josh Fraites, zwei Jungs aus Ramsey/New Jersey, lieben das Zeichnen. Jeden Tag treffen sie sich nach der Schule, um an ihrem Talent zu feilen. Sogar die renommierte „New York Times“ wird 1992 auf sie aufmerksam – da sind die Jungs gerade einmal neun Jahre alt.

„Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinen Zeichnungen, und sie gelingen mir immer besser, weil ich wirklich viel übe“, sagt Schultz damals der Zeitung. Doch aus der Karriere wird nichts. Josh Fraites wird drogenabhängig, stirbt 2002 im Alter von 19 Jahren an einer Überdosis – und mit ihm auch der Traum von der Karriere als Künstler.

Für New York reichte den beiden Jungmusikern das Geld nicht

Um den Verlust zu verschmerzen, widmet sich Schultz fortan der Musik. Er zieht nach Brooklyn in New York und hält sich dort mit vielen Jobs über Wasser. Unter anderem tritt er als Liedermacher in kleinen Clubs auf. Unterstützt wird er später von Jeremiah Fraites am Schlagzeug, dem jüngeren Bruder seines verstorbenen Freundes. Gemeinsam schreiben sie erste Songs, versuchen, sich in New York durchzuschlagen. Doch das Geld reicht nicht. Die Jungs beschließen, die Ostküste zu verlassen.

Sie ziehen nach Denver, der Hauptstadt von Colorado. Dort lernen sie schnell Neyla Pekarek kennen, eine Cellistin mit klassischer Gesangsausbildung. Sie trat zuvor mit einem Barbershop-Quartett auf, der amerikanischen Urform von A-cappella-Musik. Sie hilft den Jungs, ihr musikalisches Spektrum zu erweitern: Das Trio beherrscht nun neben Gitarre, Schlagzeug und Cello auch Mandoline und Klavier.

Die erste Tour führt im Kleinbus durch die USA

Es ist die Geburtsstunde von The Lumineers. Nach nur kurzer Zeit treten sie jede Woche in einer kleinen Kellerbar in Denver auf, nehmen an Open-Mic-Events (Talentwettbewerben ohne Voranmeldung) teil und können sich schon bald einen Kleinbus leisten. Auf eigene Faust beginnen sie eine Tour durch die USA. Das Geld ist knapp, unterwegs ernähren sie sich hauptsächlich von Erdnussbutter-Sandwiches mit Marmelade: „Man kann sie gut während der Fahrt auf dem Schoß schmieren“, grinst Schultz.

Es ist schon bemerkenswert: Zwei Jungs verlassen ausgerechnet New York, die angestammte Hauptstadt der Kreativen, um mit ihrer Musik woanders erfolgreich zu werden. Viele Meilen weiter westlich, in Colorado, finden sie tatsächlich ihr Glück: Cellistin Neyla Pekarek, die, wie sie selbst sagen, der wichtigste Einfluss für The Lumineers war. Außerdem natürlich die geerdete Country-Atmosphäre, um ihre Americana-Songs in aller Ruhe zu entwickeln. Nun steht das Debüt von The Lumineers in den Plattenläden. Zu hören sind 14 Songs aus immerhin schon zehn Jahren Bandgeschichte. Man kann fast sagen: The Lumineers stellen sich mit einem „Best Of“-Album vor. Ihre Musik verbindet Country, Folk und Pop. Manchmal sind ihre Songs schnulzig („Morning Song“) oder fast schon theatralisch („Charlie Boy“), dann aber wieder stimmungsgeladen, wie ein guter Popsong („Stubborn Love“) eben zu sein hat. Auch wenn Stücke wie „Dead Sea“ oder „Slow It Down“ die Euphorie der Platte etwas bremsen, macht das Album im Gesamteindruck doch gute Laune. Es fühlt sich ein bisschen an wie in einer kleinen gemütlichen Bar zu vorgerückter Stunde: Man möchte aufspringen, im Takt klatschen und zur Musik mit den Füßen auf den Boden stampfen. Mitreißend wird so etwas gemeinhin genannt. Highlights Ist die Stimmung auf dem Höhepunkt, passen „Classy Girls“ oder „Ho Hey“ perfekt.

Doch das Leben in einem Van hat auch seine Tücken: In Los Angeles wird ihr Auto am helllichten Tag mit einem Schraubenzieher aufgebrochen, alle Instrumente werden aus dem Kofferraum gestohlen. „Das war für uns ganz bitter! Alles, was wir besaßen, war auf einmal weg“, sagt Fraites. „Jetzt haben wir uns einen großen Käfig in den Kofferraum gebaut, damit es nicht noch einmal passiert. Hoffentlich!“

Ein herber Rückschlag. Doch das Trio rappelt sich wieder auf und zieht weiter. Der große Erfolg von The Lumineers kommt nun zehn Jahre nach der Gründung: Mit der Single „Ho Hey“ landen sie 2012 in ihrer Heimat einen großen Hit, der aktuell auf Platz drei der Verkaufscharts steht. Ihre Konzerte in den USA und Großbritannien sind fast alle ausverkauft. Mittlerweile sind sie bereits für zwei Grammys („Best New Artist“ und „Best Americana Album“) nominiert.

Ihre Musik lässt sich am besten als organischer Folk beschreiben: Akustikgitarre, Tamburin, Cello, Schlagzeug. Kein großer Schnickschnack. Auf der Bühne tragen sie gern Hut, Holzfällerhemd und Hosenträger. Keine extravagante Mode.

Vergleiche mit Bands wie Mumford & Sons oder The Avett Brothers, die derzeit mit ihrer Musik überall durch die Decke gehen, gibt es natürlich. Das gehört dazu.

Musik mit dem traditionellen Klang der amerikanischen Weststaaten

Und trotzdem sind The Lumineers anders: Sie haben diesen typischen Weststaatenklang. Es ist traditionelle Musik mit Saloon-Atmosphäre, aufgehübscht im modernen Gewand des Pop. Ein bisschen Country, viel Folkpop. Sie erfinden das Rad nicht neu, aber das ist in Ordnung. Es macht einfach Spaß, ihnen zuzuhören.

Viele Songs auf ihrem Debütalbum wirken roh, sie wurden nicht fein säuberlich im Studio abgemischt. Die Aufnahmen klingen nach altem Kellergewölbe oder verrauchter Bar. Aber genau das macht ihren Charme aus. Die Lieder sind gezeichnet von einer Band, die nunmehr ein Jahrzehnt rastlos in einem Van durch ihr Land tourt – auf der Suche nach dem nächsten Gig. Und es scheint, als hätte die Reise für The Lumineers gerade erst begonnen.

 Termin: 27. Februar, 20 Uhr, Köln, Gloria-Theater

 

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