Die Bluesrocker von den Black Keys haben mit etlichen Hip-Hop-Legenden unter dem Namen Blakroc ein erstaunliches Album eingespielt.

Der Blues hat eine lange Tradition. Die Sklaven, die im 18. Jahrhundert von Afrika aus wie Vieh in die frisch gegründeten Vereinigten Staaten verfrachtet wurden, sollen ihn geboren haben. Und wenn man sich frühe Kompositionen anhört - die eines Robert Johnson oder eines Papa Charlie Jackson -, dann hört man verstärkt noch die afrikanischen Einflüsse.

Blues erzählt von Sehnsucht, Depression, Unterdrückung: in klagendem Gesang vorgetragen, oft mehr gesprochen als gesungen, immer die eigenen Missstände anprangernd, getragen von der Verzweiflung über die Machtlosigkeit, der man als versklavter Teil der damaligen Gesellschaft ausgeliefert war.

Mittlerweile gilt der Rap als Blues der Gegenwart. Im US-Hip-Hop abseits des Mainstreams, wo sich das Genre vor gut 30 Jahren etablierte, beklagen bis heute meist schwarze Rapper die Unausgeglichenheit der Gesellschaft, in der sie leben.

Die Black Keys aus dem verstaubten Ohio wirken fast schon antiquiert, weil sie mit modernem Hip-Hop nichts am Hut haben und stattdessen seit Anfang 2000 nichts anderes als puren, erdigen und vor allem dreckigen Blues machen. Sie scheren sich nicht um saubere Aufnahmequalität, arbeiten dennoch viel am eigenen Sound. In die Jahre gekommenes analoges Aufnahmematerial, Mikrofone, Gitarren, Orgeln, Verstärker, Verzerrer und viele andere Tonverfremder sorgen für originale Garagenatmosphäre in den Ohren.

Spätestens nach Veröffentlichung ihres vierten Albums im Jahr 2006 hatte sich das Duo, bestehend aus Dan Auerbach und Patrick Carney, in Musikerkreisen etabliert. Eine Zusammenarbeit mit Rocklegende Ike Turner, dem Ex von Tina Turner, stand ins Haus. Produzieren sollte Danger Mouse, ein Mann, der 2004 das weiße Album der Beatles unter den A-cappella-Rap von Jay-Zs "The Black Album" legte und damit das Genre des "Mash-Ups" begründete. Der breiten Masse wurde er bekannt als künstlerischer Kopf des Neo-Soul-Projekts Gnarls Barkley ("Crazy", 2006).

"Blakroc" ist ein außergewöhnliches Album geworden, auf dem der Blues als Schmelztiegel dient. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass sich etablierte schwarze Rapper und weiße Rockmusiker zusammentun, um gemeinsame Sache zu machen. Der Sänger der Black Keys, Dan Auerbach, sagte, für das Album seien keine Samples verwendet worden. Stattdessen wurde alles live aufgenommen. Die von Samples geprägte Tradition des Rap wird dadurch auf erquickliche Weise gegen den Strich gebürstet, was den Songs eine zuletzt dem Hip-Hop immer wieder abhanden gekommene Wärme zurückgibt, die er aufgrund von protzigen und meist langweiligen Klingeltonkompositionen eingebüßt hatte. Auf dem Album trifft aber nicht nur Rap auf Blues. Die Musiker haben sich treiben lassen, so dass man auf "Blakroc" auch in die einzelnen Subgenres eintauchen kann: von Dirty South über Trip-Hop bis zu Battlerap ist alles vertreten.

Aus der Zusammenarbeit mit Turner wurde nichts. 2007 starb er an einer Überdosis Kokain. Danger Mouse allerdings blieb an Bord, und ein halbes Jahr später feierten die Black Keys mit "Attack & Release" ihren kommerziellen Durchbruch.

Auch Ludacris und The RZA gaben sich für Blakroc die Ehre

Im Sommer 2009 klopft Damon Dash, Mitbegründer des inzwischen insolventen Labels "Roc-A-Fella Records", bei den Black Keys an. Seit Jahren ist er begeisterter Fan. Er bettelt geradezu um eine Zusammenarbeit und lockt dabei mit den ganz großen Namen des Hip-Hop. Und tatsächlich: Nach und nach trudeln höchst verdiente Rapper, Sänger und Produzenten im Studio ein, darunter Mos Def, Q-Tip, Ludacris oder Wu-Tang-Clan-Kopf The RZA.

Welten prallen scheinbar aufeinander, wenn die weißen Vorstadtkinder von den Black Keys mit ihren erdigen Gitarrenriffs auf die schwarzen Ghettokids des Hip-Hop mit ihrem rhythmischen Sprechgesang treffen. Wie gesagt: scheinbar. Denn letztlich ist das Ergebnis dieser Sessions nur der Beweis, dass es mal wieder die Musik ist, die wie selbstverständlich Grenzen auflöst.

Während der Sommer ins Land zieht und draußen der Asphalt glüht, entsteht im Studio der Black Keys ein Album, das seinesgleichen sucht - stilistisch wie auch musikhistorisch. Selten wurden Projekte, in denen Rap und Rock zusammenflossen, wirklich ernst genommen - und dabei liegen die Genres, wie eingangs erwähnt, doch so nah beieinander.

Allerdings wurden bisherige Kreuzungsversuche immer mit einem etwas verklemmten Augenzwinkern unternommen, beispielsweise die Kooperation von Aerosmith und Run DMC 1987, die keinen Hehl daraus machte, eher als Gag gemeint zu sein und damit wiederum das Vorurteil untermauerte, dass die Stilrichtungen eigentlich nicht zueinander passen.

Bei dem nun vorliegenden Projekt, das die Beteiligten "Blakroc" getauft haben, wirkt alles selbstverständlich. Die Instrumente von Black Key Dan Auerbach halten sich stark zurück und schmiegen sich förmlich an das Beatgefüge, das Drummer und Produzent Patrick Carney am Schlagzeug vorgibt.

Und plötzlich ist vieles wie damals, als der Blues noch in den Kinderschuhen steckte und die Musik nur die tonale Untermalung für die traurig vorgetragenen Gedichte bildete. Kein Bombast, kein Pomp, nur minimaler, purer, erdiger und vor allen Dingen ehrlicher Sound. Blakroc - das ist eine Frischzellenkur, die sowohl den Hip-Hop als auch den Blues revolutionieren könnte.

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