Der lnage Strom der Techno-Jünger 1997 in Berlin. Foto: dpa
Der lnage Strom der Techno-Jünger 1997 in Berlin. Foto: dpa

Der lnage Strom der Techno-Jünger 1997 in Berlin. Foto: dpa

Prüde war die Loveparade nie. Foto: Stephanie Pilick

Mit rund 1,5 Millionen Ravern brach die elfte Berliner Loveparade 1999 alle Rekorde. Foto: Wolfgang Kumm

So sah es 2006 auf der Straße an der Siegessäule in Berlin aus. Foto: Marcel Mettelsiefen

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Der lnage Strom der Techno-Jünger 1997 in Berlin. Foto: dpa

Berlin/Duisburg (dpa) - «Friede, Freude, Eierkuchen» - als die Loveparade vor 25 Jahren zum ersten Mal durch Berlin zieht, hat sie das wohl freundlichste Motto aller politischen Demonstrationen.

Mit 150 Technofans tanzt Parade-Gründer DJ Dr. Motte am 1. Juli 1989 bei Nieselregen für eine friedliche Weltrevolution über den Kurfürstendamm.

Wenige Jahre später ist aus der Demo eine kommerzielle Veranstaltung mit mehr als einer Million Ravern geworden. Bereits vor dem Loveparade-Umzug ins Ruhrgebiet im Jahr 2007 scheint die Zeit der leichtbekleideten Hedonisten dann vorbei. Getanzt wird weiter - bis das Techno-Spektakel 2010 mit dem tragischen Unglück in Duisburg mit 21 Toten ein furchtbares Ende findet.

Der Schatten der Katastrophe und deren schwierige Aufarbeitung hafte der Stadt Duisburg stärker an als der Technoszene selbst, glaubt der Soziologe Ronald Hitzler von der TU Dortmund, selbst lange Jahre Technofan und Experte für Jugendszenen. So schwappe zur Zeit ein wiederbelebter Trend für elektronische Dance Music aus den USA nach Europa, auch große Raves lockten wieder Hunderttausende.

Auch wenn es nie wieder eine Loveparade geben werde, habe das Fest Spuren hinterlassen, die über das Unglück hinausgehen: «Im Laufe der Jahre wird hinter dem Entsetzen eines Tages wieder eine nostalgische Idee der Loveparade entstehen», so Hitzler. «Einen Widerhaken wird es aber immer geben».

Am 24. Juli 2010 geschieht die Tragödie: Auf der zu engen Eingangsrampe zum Festivalgelände in Duisburg kommt es zu einer Massenpanik. Mehr als 500 Menschen werden verletzt, 21 junge Frauen und Männer sterben - zerquetscht und im Gedränge erstickt. Mit ihnen stirbt die Loveparade.

Das einst so unbeschwerte Fest wird zum Symbol für das Versagen der Verantwortlichen. War die Katastrophe vermeidbar? Wurde die Loveparade auf politischen Druck hin durchgesetzt? Die Fragen beschäftigen die Staatsanwaltschaft. Jahrelang ermittelt sie, erhebt schließlich im Februar 2014 Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung gegen zehn Beschuldigte.

Darunter sind weder Rainer Schaller, Chef des Veranstalters Lopavent, noch der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, den die Bürger eineinhalb Jahre nach der Katastrophe per Abwahlverfahren aus dem Amt gefegt hatten. Wann es zum Prozess gegen die beschuldigten Mitarbeiter von Stadt und Veranstalter kommt, ist noch offen.

Das Unglück setzt einen grausigen Schlusspunkt unter das Massen-Spektakel der aus aller Welt angereisten Musikfans, Selbstdarsteller und Vernügungshungrigen. Trillerpfeife im Mund, Sonnenblume im Haar und orange Bauarbeiter-Weste am durchtrainierten Körper - das sind bis dahin über zwei Jahrzehnte die Attribute der Loveparade-Anhänger. Zu wummernden, treibenden Beats der verschiedenen Techno-Spielarten ziehen 2008 bei der letzten unbeschwerten Loveparade bis zu 1,6 Millionen Raver tanzend und zuckend über ein abgesperrtes Stück Schnellstraße in Dortmund.

Dr. Motte, mit bürgerlichem Namen Matthias Roeingh, hat da schon längst mit der Loveparade abgeschlossen. Der Raver allererster Stunde sieht seine Vision von einer friedlichen Weltrevolution durch seine Tanzgemeinde früh davondriften. 2001 entscheidet das Bundesverfassungsgericht, dass die Parade keine politische Demonstration mehr, sondern eine kommerzielle Veranstaltung ist. Schon vor dem Umzug der Parade ins Ruhrgebiet ist Motte nicht mehr im Organisationsteam dabei.

«Ich wollte etwas Gutes etablieren. Keine Demo gegen, sondern für alle Menschen auf diesem Planeten», erklärt der heute 53-jährige Dr. Motte das erste Paraden-Motto «Friede, Freude, Eierkuchen» im dpa-Interview. «Frieden, für Abrüstung; Freude durch Musik als Mittel der Kommunikation; Eierkuchen, für die gerechte Nahrungsmittelverteilung», so der DJ, der heute immernoch elektronische Musik macht. «Die jährliche Loveparade war der Ausdruck des Zeitgeistes und eigentlich eine tanzende Jugend-Friedensbewegung, unter dem Schirm der neuen, elektronischen Tanzmusik.»

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