Bereits mit ihrem dritten Album sind Razorlight so etwas wie die Prügelknaben der Indie-Rock-Szene. Ihre Songs eignen sich bestenfalls noch zum Autofahren. Ob das reicht?

Düsseldorf. Sie werden in die Geschichte eingehen, als die Band, die den Anschluss verpasste. Dabei sah doch alles so gut aus für Razorlight: Der Name ist cool. Das Debüt war großartig. Sie hatten die ganz Großen auf ihrer Seite und spielten sich 2005 bei Bob Geldofs Neuauflage von "Live Aid" ins Bewusstsein von Millionen.

Aber mit dem neuen Album "Slipway Fires", ihrem dritten, vermasseln sie es. Wahrlich paradox ist das, denn im Rückblick scheitern die Engländer an ihrem großen Plus: der Einzigartigkeit ihrer eigenen Ausgangssituation, die alle Chancen für Razorlight bereithielt.

Und der sie wohl nicht gewachsen waren. Wer die Band einordnen möchte, der muss sich zwangsläufig mit der Situation der Rockmusik in den Jahren 2001 bis 2004 befassen. Es waren besondere Jahre, weil in ihnen der Garagen- und Indie-Rock wiedergeboren wurde.

Razorlight brachten ihr Debüt 2004 zur rechten Zeit heraus

Von 1990 bis ins neue Jahrtausend hinein hatten Grunge (Nirvana, Pearl Jam), Trip Hop (Goldie, Massive Attack), Britpop (Blur, Oasis) und Nu Metal (Limp Bizkit, Linkin Park) die Szene dominiert. Dann kam dieser Haufen junger Bands, die die 80er- und 90er-Jahre aus ihrer Musik tilgten und sich der spartanischen Ursprünge des Rock erinnerten.

Irgendwo zwischen Razorlights Gründung 2002 und der Veröffentlichung ihres Debütalbums "Up All Night" (2004) beeindruckten die ersten beiden Platten der Strokes die Welt, lagen die ersten beiden Alben Mando Diaos, erschienen die Libertines auf der Bildfläche, kam das Meisterwerk "Elephant" heraus, das den White Stripes den Durchbruch bescherte, und veröffentlichten die Killers ihren famosen Erstling "Hot Fuss".

Wer sarkastisch sein will, der hält sich einfach an den Infozettel zu "Slipway Fires", in dem steht, dass das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Produzent Mike Crossey "kaum in Worte zu fassen" sei. Und tatsächlich: Man ist sprachlos. Das sollen dieselben Razorlight sein, die einen 2004 noch so umgehauen haben? Unmöglich! Das hier klingt nicht nach Indie-Rock, sondern nach einer Band, die zu oft Simon And Garfunkel ("60 Thompson") oder Supertramp ("Wire To Wire") gehört hat. Natürlich: "Hostage Of Love" oder "You And The Rest" starten angenehm akustisch, steigern sich und haben gar Momente, die irgendwie, nun ja, berühren. "Tabloid Lover" erinnert dezent an die Beatles der "Rubber Soul"-Ära. Aber schon mit den Songs fünf und sechs, "North London Trash" (gehört, schon vergessen) und "Stinger" (zäh), wird es langweilig - bis hin zum Finale. Fazit: Veränderungen sind okay. Und hätten Razorlight noch nie ein Album veröffentlicht, hieße es an dieser Stelle sogar: Aus denen wird mal was. So aber scheitern sie an ihrem eigenen, zu großen Schatten.

Razorlight waren also zur richtigen Zeit da. Ihr Debüt reichte qualitativ mit Leichtigkeit an die Spitzenkräfte der Bewegung heran - wohl auch, weil Frontmann Johnny Borrell als ehemaliger Bassist dem Schoße der Libertines entsprungen war.

Wer "Up All Night" hört, der hört 13 lupenreine Hits. Gitarrist Björn Agren schüttelte ein Kinnladen-Riff nach dem anderen aus dem Ärmel, Bassist Carl Delemo rumpelte atemlos vor sich hin und Drummer Andy Burrows jagte durch Songs, die den Wahnwitz schon im Titel trugen: "Rock’n’Roll Lies", "Rip It Up", "Fall, Fall, Fall".

Der absolut berechtigte Lohn: Die Musikgazetten zollten gigantisches Lob. Die mittlerweile ob ihres smarten Aussehens und "beatlelesken" Auftretens zu absoluten Stars der Teens und Twens gewordenen Mando Diao nahmen Razorlight mit auf Tour.

Dann klopfte mit U2 sogar eine der größten Bands der Welt an, um Borrell und Mitspieler ins Vorprogramm zu holen. Und 2006 heimste das schlicht mit "Razorlight" betitelte, zweite Album in England auf Anhieb Platin ein.

Aber ganz oben war auch der Anfang vom Ende. Denn der Schein des Edelmetalls für Platte Nummer zwei trügte: Sie konnte mit dem Vorgänger nicht annähernd mithalten. Auch wenn es der als Narzisst verschriene Borrell bis heute nicht wahrhaben will und seine Band - was sein gutes Recht ist - gegen immer lauter werdende Kritik öffentlich verteidigt: Razorlight klangen auf "Razorlight" plötzlich ideenlos, uninspiriert, beliebig.

Seltsam verhalten und langsam klingt die neue Platte

Dadurch spielten sie sich mit dem ersten Bein hinaus aus dem Kreis der relevanten Bands. Und das zweite Bein ziehen sie jetzt mit "Slipway Fires" nach. Seltsam verhalten und langsam klingt die Platte. Von den ungestümen Anfangstagen ist wenig geblieben.

Zugegeben: Das ist nicht durchweg schlecht. Aber das ist auch nicht gut genug. Man muss sich nur mal umschauen, was sich seit 2004 getan hat: Die Killers sind zu umjubelten Stadionrockern aufgestiegen. Mando Diao veröffentlichten jüngst ihr fünftes Album - und noch immer wartet man bei ihnen auf den ersten Song, der kein Hit ist. Nichts wird sehnlicher erwartet als die nächste Platte der Strokes oder die Reunion der Libertines. Und selbst Fußballfans grölen mittlerweile die White Stripes nach.

Und Razorlight? Die machen ein Album, das sich gut zum nebensächlichen Hören bei einer langen Autofahrt eignet. Ruhig, beschaulich, hier und da ein wenig zu Herzen gehend und mit viel Liebe und gebrochenen Herzen in den Texten. Aber wer fährt schon Auto, weil er Musik hören will?

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