Das Debüt der New Yorker Band The Drums verbindet spielerisch 50er-Kitsch mit der Nüchternheit des Postpunk.

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The Drums beschwören vor allem den Halbstarken-Look der 50er-Jahre wieder herauf. Die Band besteht aus Jacob Graham, Jonathan Pierce, Connor Hanwick und Adam Kessler (v.l.).

The Drums beschwören vor allem den Halbstarken-Look der 50er-Jahre wieder herauf. Die Band besteht aus Jacob Graham, Jonathan Pierce, Connor Hanwick und Adam Kessler (v.l.).

Cooperative

The Drums beschwören vor allem den Halbstarken-Look der 50er-Jahre wieder herauf. Die Band besteht aus Jacob Graham, Jonathan Pierce, Connor Hanwick und Adam Kessler (v.l.).

Düsseldorf. Kaum ist die WM vorbei, die Euphorie und die allgemeine Leichtigkeit, da fühlt sich der Sommer an, wie er nun mal ist: schwül und unerbittlich. Eigentlich ist er meistens nur in unserer Vorstellung schön, in den Erwartungen, die wir an ihn stellen, oder in den Erinnerungen, die wir mit ihm verbinden.

Mit der Jugend ist es ähnlich: Bevor sie richtig losgeht, verheißt sie ungeheuer viel. Und später, wenn wir sie hinter uns haben, birgt sie die wohlige Wärme der Nostalgie.

Steckt man allerdings drin in dieser Phase, in der Hormone verrückt spielen, in der Ideologien und Substanzen ausprobiert werden, in der der Herzschmerz ganze Welten niederreißt, wirkt die Jugend genauso unentrinnbar wie eine tropische Sommernacht in der Stadt.

Ende 2009 gab es schon jede Menge Vorschusslorbeeren

The Drums, eine Band aus New York, die im Dezember 2009 von entscheidenden meinungsbildenden Musik-Medien wie der "BBC 1" oder dem "NME" (New Musical Express) zu einer der hoffnungsvollsten Bands des bevorstehenden Jahres ausgerufen wurde, haben mit ihrem ersten Album für beides, den Sommer und die Jugend, einen perfekten Soundtrack entworfen.

Es sind Songs wie aus der ersten Blütezeit des Pop. Als Bands wie die Beach Boys oder die Everly Brothers, deren Songs heute größtenteils kitschig und vorhersehbar klingen, für die amerikanische Jugend Rebellentum und Unangepasstheit verkörperten. Schwelgerische Melodien, schneller Rhythmus und zwischen all dem Wohlklang allgegenwärtige Melancholie.

Das Konzept für die Band stand, bevor der erste Song komponiert war

Es gibt nur wenige Alben der vergangenen Jahre, die mit derartiger Zurückgenommenheit in ihren Bann ziehen wie das Debütalbum der Drums. Klare, sachte und zuckersüße Melodien präsentieren sich abgespeckt im nüchternen Gewand von New Wave und Postpunk. Durch diese seltsame Symbiose aus dem überfrachteten Kitsch der Fünfziger und der Sachlichkeit der späten Siebziger fühlt man sich unweigerlich zurückversetzt in jene Momente der Jugend, in denen man sich unbesiegbar, vielleicht sogar unsterblich fühlte: Völlige Leichtigkeit des Seins trifft auf existenzielle Gedankenschwere. Jeder Song prägt sich sofort ein. Schöner kann der Sommer, sei er auch noch so unerträglich heiß, nicht klingen.

Die erste Single "Let’s Go Surfing" spielt man auf der Fahrt zum Strand, "Down By The Water" taugt wunderbar zum Stehblues. Aber vor allem das nachhallende "Forever And Ever Amen" ist die wahre Hymne dieses tollen Albums.

Musik muss wieder einfach sein, Gefühle ohne Umwege wecken, als emotionaler Verstärker dienen. Dessen waren sich Jonathan Pierce und Jacob Graham, die künstlerischen Köpfe der Drums, Anfang 2009 sicher. Deswegen stand das Konzept für ihre Band bereits, bevor auch nur ein einziger Song komponiert war.

Die beiden Mittzwanziger, die sich schon aus Schulzeiten kennen, waren frustriert. Mit ihren jeweiligen Bandprojekten gescheitert, durchstreiften sie ziellos Kneipen und Clubs, Graham in Miami, Pierce im Staat New York. Via E-Mail schickten sie sich Bilder von Menschen und Ereignissen, die ihnen wichtig waren und sie bis heute inspirieren: Politiker, Sportler, Schauspieler. Die meisten hatten ihre große Zeit in den 50ern. Marlon Brando etwa. Oder James Dean.

Bis heute müssen diese Jahre popkulturell noch immer als Zeit der Unschuld herhalten, in der der amerikanische Traum noch möglich schien und nicht durchzogen war von den vielen, nie ausgeheilten Brüchen, hervorgerufen durch Kriege, Krankheiten und Katastrophen.

Um diese Reinheit noch einmal herzustellen, dachten sich Graham und Pierce, muss die Musik auf ihre wesentlichen Bestandteile reduziert werden: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang, mehr ist nicht. Die einzigen beiden Kapriolen, die sich The Drums leisten, sind hin und wieder ein paar Synthie-Grundierungen und ein Halleffekt, der den simplen Slogan-Texten noch mehr Intensität verleiht.

The Drums singen von Liebe und Verlust, von Freundschaft und Freudentaumel, von Hoffnung und Tod. Der formale Minimalismus schafft absolute Hingabe, durch nichts wird man abgelenkt, klangliche Sättigungsbeilagen wie Streicher oder Bläser müssen draußen bleiben.

Seit knapp über einem Jahr gibt es The Drums, Schlagzeuger Connor Hanwick stieß sogar erst ein paar Stunden vor dem ersten Gig zur Band. Wo Sommer und Jugend meist Probleme haben, den in sie gesetzten Hoffnungen gerecht zu werden, haben die Drums die Erwartungen, die sie im vergangenen Jahr mit der EP "Summertime" geschürt haben, vollauf erfüllt.

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