Auf ihrem neuen Album rechnet Rihanna mit ihrem Ex Chris Brown ab. Entsprechend schwerfällig klingen die Songs.

Selbst Stacheldraht wird bei Rihanna zu schlechten Lack-und-Leder-Träumen.
Selbst Stacheldraht wird bei Rihanna zu schlechten Lack-und-Leder-Träumen.

Selbst Stacheldraht wird bei Rihanna zu schlechten Lack-und-Leder-Träumen.

Ellen von Unwerth/Universal

Selbst Stacheldraht wird bei Rihanna zu schlechten Lack-und-Leder-Träumen.

Als ob Rihannas Leben während des langsam zur Neige gehenden Jahres nicht schon dramatisch genug gewesen wäre, spielt sie auf ihrer neuen Single Russisch Roulette - inklusive Schuss am Ende. Soll suggerieren: Rihanna ist tot, es lebe Rihanna.

Denn mit ihrem alten Selbst hat die 21-Jährige, pünktlich vor Veröffentlichung ihres neuen Albums und zur besten US-Sendezeit bei Talk-Legende Diane Sawyer, publikumswirksam abgerechnet. "Ich fand mich selbst erbärmlich, weil ich mich in einen Typen verliebt habe, der mich so brutal verprügelt hat", gab sie zu Protokoll. "Es ist erniedrigend, wenn man sich vor Augen führt, dass man für einen solchen Menschen Gefühle empfinden kann."

Die Tracks auf "Rated R" geraten zu einer etwas peinlichen Nabelschau

Die Rede ist von Chris Brown, einem hierzulande eher leidlich, in den USA dafür umso heißer umschwärmten Teeniestar, mit dem Rihanna bis Februar dieses Jahres zusammen war. Ein Traumpaar, sie Prinzessin, er Prinz - jung, attraktiv, talentiert und verdammt reich. Die Klatschpresse hing ihnen an den Fersen, besonders nach dieser Nacht, in der im Internet Bilder eines versehrten Mädchens auftauchten, auf denen man erst auf den dritten Blick erkennen konnte, dass es sich um Rihanna handelte.

Die Lippen geschwollen, mit blutigen Rissen, dazu Hämatome im Gesicht. Brown soll seine ehemalige Freundin während der Heimfahrt von der Grammy-Gala so zugerichtet haben. Offiziell bestätigt wurde das nie. Um einer Haftstrafe zu entgehen, bekannte sich der 20-Jährige schuldig und wurde wegen tätiger Reue zu einem halben Jahr gemeinnütziger Arbeit verdonnert.

Jetzt kommt seine Ex mit der Abrechnung. Der Titel von Rihannas neuem Album "Rated R", frei übersetzt: ab 18, bezieht sich nur oberflächlich auf ihren immer offensichtlicheren Hang zum Exhibitionismus, dem sie auch beim Shooting mit der deutschen Star-Fotografin Ellen von Unwerth frönte (siehe rechts).

Es ist keine Frage des guten Geschmacks, die bisherigen Songs von Rihanna zu mögen. Die simplen wie auch genialen Melodien und die wuchtige Powerproduktion mit dem Stempel Jay-Z verurteilen Popinteressierte quasi dazu, fast jeden ihrer Tracks mehrere Wochen im Ohr zu haben: "Pon de Replay", "S.O.S.", "Umbrella", "Don’t Stop The Music" - auf das Konto der jungen Barbadierin gehen bereits ein gutes halbes Dutzend moderne Pop-Klassiker. Nach diesem bereits vier Jahre währenden Dauererfolg ist Rihanna nicht mehr nur stimmlich prägnante Erfüllungsgehilfin ihrer teuer eingekauften Songschreiber, sondern auch eine öffentliche Person mit Star-Appeal für den Boulevard geworden. Und das ist das Problem bei "Rated R". Das gesamte Album ist eine Reaktion auf die Prügelaffäre, die von der Yellow Press genüsslich ausgeschlachtet wurde. Statt unbeschwerter Gassenhauer dominieren plötzlich selbstreferentielle Betroffenheitsnummern ihr Repertoire. Nicht, dass sie dazu kein Recht hätte. Die Songs wiegen nur seltsam bleiern, angefangen beim etwas ziellosen "Hard" über die zu wohlfeil geratene Ballade "Stupid In Love" bis hin zum unübersichtlichen "Rude Boy".

Tatsächlich ist der Titel eher ein Verweis auf die schwere Kost, die den Zuhörer erwartet: Gewalt, Selbsthass, Erniedrigung - fast hat man sogar den Eindruck, sie würde sich selbst geißeln, wenn sie balladesk davon singt, "dumm verliebt" gewesen zu sein ("Stupid In Love").

Dummerweise bringt sie der tragische Schicksalsschlag musikalisch nicht weiter, so sehr sie ihn auch als sinnstiftende Lektion, die man angeblich zu lernen hat, beschwört. In "Russian Roulette", einem schwerfälligen Trauermarsch mit dröhnender Synthie-Dramatik, der seltsamerweise als erste Single auserkoren wurde, wird das tödliche Spiel zur Metapher für den Mut, den man aufzubringen hat, um das Wagnis Leben zu meistern. Mag sein, dass der Ansatz für diesen Pathos-Popanz tatsächlich therapeutisch gemeint war.

Letztlich gerät der Song aber, wie auch viele der übrigen Tracks auf "Rated R", zu einer etwas peinlichen Nabelschau. Griffige Melodien mit dem Potenzial für tönende Ohrwürmer werden mit großspuriger Produktion ausgebremst. Irgendwie soll alles wichtig und pädagogisch wertvoll klingen, wird durch diesen Mitteilungsdrang aber nur umso nichtssagender.

In den USA hat die Prügelattacke mehrere landesweite Diskussionen ausgelöst: TV-Superstar Oprah Winfrey widmete der Frage, wie Gewaltopfern geholfen werden kann, eine ihrer Shows. Und auch medienrechtlich wird es noch ein Nachspiel geben, da die schnelle Verbreitung des Fotos mit den Blessuren unter Experten die Frage aufwarf, inwieweit die Persönlichkeit vor der Eigendynamik des Webs geschützt werden kann. Rihannas neues Album indes wird keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

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