I Am Kloot
I Am Kloot gelang der ganz große Wurf.

I Am Kloot gelang der ganz große Wurf.

dpa

I Am Kloot gelang der ganz große Wurf.

Berlin (dpa) ­ Lady Gaga, Katy Perry, Rihanna, Pink, Shakira: Die Charts wurden dieses Jahr weiblich dominiert, sollen aber hier nicht wirklich interessieren.

Im streng subjektiven Jahresrückblick vertritt stattdessen eine visionäre Künstlerin wie Janelle Monáe die Glamour-Fraktion, und die beste Platte stammt von drei mittelalten, zotteligen Indiepop-Melancholikern aus dem Nordwesten Englands. Jenseits des Mainstreams hatte 2010 einiges zu bieten. Acht Argumente für einen starken Jahrgang:

Nachtschwärmer

Album des Jahres: I Am Kloot - «Sky At Night»

Eine Platte, die alles zusammenführte, was das Trio aus Manchester in Bestform zu bieten hat: überwältigend schöne Nachtschwärmer-Melodien, stilsichere Arrangements aus der Nick-Drake-/Beatles-Schule, der bittersüß-lennoneske Gesang von John Bramwell, die edle Produktion von Elbow-Kopf Guy Garvey. Dem Zuspruch der Popkritik (für I Am Kloot nichts Neues) folgte endlich auch kommerzieller Erfolg. Die Nominierung für den Mercury Prize, der Preis der Deutschen Schallplattenkritik und tolle Konzerte rundeten den Aufstieg nach zehn Jahren zweite Indierock-Liga ab.

Synthie-Sinfonie

Song des Jahres: Owen Pallett - «E Is For Estranged»

Das berauschendste Lied aus dem synthetisch-sinfonischen Konzeptalbum «Heartland», dargeboten von einem Ausnahmetalent des Indiepop. Owen Pallett hat auch dieses Jahr wieder für Arcade Fire ganz wunderbare Streichersätze arrangiert, auf seiner dritten Platte und speziell mit dem drittletzten Song gelingt ihm jedoch die endgültige Reifeprüfung als Solo-Künstler. Fünfeinhalb Minuten perfekter Synthie-Folkpop mit Orchester, Klavier und der hellen, melodischen Stimme des 30-jährigen Kanadiers. Die anderen «Heartland»-Lieder standen «E Is For Estranged» qualitativ kaum nach.

Science-Fiction-Soul

Newcomer des Jahres: Janelle Monáe

Dass ein Hype hin und wieder berechtigt sein kann, bewies der Durchbruch dieser nur gut 1,50 Meter großen Pop-Überfliegerin aus Atlanta. Ihre spinnerte Story um die Androidin Cindi Mayweather unterlegte Janelle Monáe Robinson mit einem in allen Klangfarben schillernden, fantastischen Stilmix. Der einstimmige Jubel der Kritik und prominenter Kollegen von Prince bis Quincy Jones sorgte für moderaten Charts-Erfolg. Viel wichtiger war aber, dass der grenzüberschreitende Mut dieser jungen Sängerin und kommenden Stilikone der darbenden Soulmusik anno 2010 endlich wieder neues Leben einhauchte.

Junge Alte

Songwriter des Jahres: Paul Weller, Lloyd Cole, Steve Wynn

Als «boring old farts», langweilige alte Säcke, waren Rockmusiker um die 50 lange verschrien. Wer die brillanten neuen Alben dieser drei Herren hörte, konnte indes nur staunen über die unerschöpfliche Energie und stoische Würde der junggebliebenen Altrocker: Modfather Weller rotzte seine Wut über den Zustand seines Heimatlandes in Zwei- bis Dreiminütern raus; der längst nach Amerika ausgewanderte Brite Cole machte intelligenten Songwriter-Folkpop auf höchstem Niveau; der New Yorker Wynn zeigte mit seiner tollen Band The Miracle 3 allen jungen US-Gitarrenrockern, wo der Barthel den Most holt.

Schatzkiste

Ausgrabung des Jahres: Bruce Springsteens «The Promise»

Nicht nur für hartgesottene «Boss»-Fans wurde ein Traum wahr: das 1978er Album «Darkness On The Edge Of Town» endlich in feinster Klangqualität, drei DVDs rund um dieses Meisterwerk ­ und vor allem die Doppel-CD «The Promise». Nicht weniger als 21 Lieder aus den Darkness-Sessions geruhte Springsteen mit über 30 Jahren Verspätung unters Volk zu werfen. Es sind wahre Schätze seiner Songschreiber-Kunst, meist bombastische Pop-Entwürfe, die schon kurz nach der Entstehung nicht mehr seiner düsteren Stimmung entsprachen. Zum Dank gingen die alten Songs von null auf eins in den Charts.

Soft is the new loud

Trend des Jahres: Harmonypop mit Seventies-Wurzeln

Zu Unrecht als superslicke Fahrstuhlmusik missverstanden, fristete der softe amerikanische Radiopop der 70er ein langes Schattendasein. Bis vor zwei Jahren die Fleet Foxes den Bann lösten und harmonieselige Satzgesänge wieder in Mode brachten. Inzwischen ist daraus ein liebenswerter kleiner Pop-Trend geworden. Zuletzt tauchten US-Musiker wie Band Of Horses, The Autumn Defense oder Fistful Of Mercy tief ein in die Plattensammlung ihrer Eltern. Das Ergebnis: einige altmodische, aber eben auch zeitlos gute Pop-Alben. Jetzt fehlt zum Mainstream nur noch ein Welthit wie Americas «A Horse With No Name».

Könige im Palast

Rockkonzert des Jahres: Wilco im Admiralspalast Berlin

Vor und nach dem Wilco-Auftritt Ende September im altehrwürdigen Palast-Ambiente wurde wieder einmal von der «wahrscheinlich besten Rockgruppe der Welt» oder zumindest der virtuosesten aller Live-Bands geraunt. Warum aber auch nicht? Was der sensible Sänger Jeff Tweedy, Neo-Gitarrengott Nels Cline, Schlagzeugfeinmechaniker Glenn Kotche und drei weitere hochkarätige Musiker an diesem Abend ablieferten, das war schlicht das Nonplusultra eines Rockkonzerts. Wer einen bestuhlten Hochkultur-Tempel mit so seelenvoller Musik zum Kochen bringt, hat jeden Superlativ verdient.

Kompromisslos gut

Erfolgsgeschichte des Jahres: 20 Jahre City Slang

Hurra, sie leben noch: Zwei Jahrzehnte als Trüffelsucher und kompromisslose Multiplikatoren für Qualitäts-Indierock durften die Berliner «vom Slang» im Spätherbst feiern. Von Tortoise und Yo La Tengo über Built To Spill bis zu Calexico und Lambchop verdanken viele großartige US-Bands dem unermüdlichen Christof Ellinghaus und seiner Mannschaft ihren Erfolg ­ und umgekehrt. Zum Geburtstag gönnte sich City Slang ein Riesenfest mit einigen seiner besten Acts. Dafür, dass wieder genug Geld in die Label-Kasse floss, sorgten pünktlich die Kanadier Arcade Fire mit ihrem dritten Meisterwerk.

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