Chansons in den Charts, „Ziemlich beste Freunde“ im Kino – das Savoir Vivre ist zurück in der Popkultur. Auch Folk-Fee Nolwenn Leroy profitiert von der neuen Frankophilie.

Eigenwillig: Nolwenn Leroys Outfit wirkt wie eine Kreuzung aus Dschingis Khan und Geisha.
Eigenwillig: Nolwenn Leroys Outfit wirkt wie eine Kreuzung aus Dschingis Khan und Geisha.

Eigenwillig: Nolwenn Leroys Outfit wirkt wie eine Kreuzung aus Dschingis Khan und Geisha.

Eigenwillig: Nolwenn Leroys Outfit wirkt wie eine Kreuzung aus Dschingis Khan und Geisha.

Universal, Bild 1 von 2

Eigenwillig: Nolwenn Leroys Outfit wirkt wie eine Kreuzung aus Dschingis Khan und Geisha.

Düsseldorf. Die Deutschen sind ein bedauernswertes Völkchen – zumindest wenn es um Casting-Shows geht: Dauerhaften Erfolg hat einzig „Supertalent“-Gewinner Michael Hirte mit seiner Mundharmonika. Der bekannteste Teilnehmer nach acht Staffeln „Deutschland sucht den Superstar“ ist kein Sieger, sondern der notorische Rausflieger Menderes „Jacko“ Bagci. Und David Pfeffer – er setzte sich zuletzt bei „X Factor“ durch – könnte auch Max Mustermann heißen, so ersetzbar, weil schon vergessen, ist sein Name.

Wie gut haben es da die Franzosen: Sie haben Nolwenn Leroy. Gut, hierzulande löst der Name der 29-Jährigen, die 2003 die französische Show „Star Academy“ gewann, keinen kollektiven Aha-Effekt aus – im Gegenteil: Bislang nahm kaum jemand östlich des Elsass von ihr Notiz.

Leroy liefert den Soundtrack zur Fortsetzung der „Wanderhure“

Aber das könnte sich bald ändern. Schuld daran sind drei Dinge: Erstens die Fortsetzung des großen Sat.1-Erfolges „Die Wanderhure“ von 2010, der am 28. Februar unter dem Titel „Die Rache der Wanderhure“ laufen wird und gute Chancen hat, noch einmal knapp zehn Millionen Zuschauer vor den Bildschirm zu locken.

Zweitens Leroys neues, viertes Studioalbum „Bretonne“, dessen Single „Mná Na H-Eireann“ („Women of Ireland“) der Titelsong dieses Filmes ist. Und drittens – fernab jeder TV-Vermarktungsstrategie – ganz einfach die musikalische Qualität der Platte, die zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung in Frankreich jetzt auch in Deutschland in den Regalen steht.

„Bretonne“ ist kein seichter 08/15-Pop für Castingshow-Gewinner, die alles haben dürfen – nur kein eigenes Künstlerprofil. Es ist überhaupt nur teilweise Popmusik. „Bretonne“ ist eine Liebeserklärung an Leroys Heimat, die Bretagne.

Kurzkritik: Auf „Bretonne“ erzählt Nolwenn Leroy Geschichten, die in traditionellen Folksongs nun einmal erzählt werden: Es geht um Matrosen, die sich in Mädchen verlieben, um irische Frauen, die an der Seite ihrer Männer für die Freiheit des Landes kämpfen und um die Erinnerungen eines Greisen an seine Heimat, die Bretagne. Natürlich gehören dazu: Flöte, Geige, Dudelsack, gar Harfe. Wenn Leroy diese Ur-Elemente der Musik mit einem fetten Rockbass („La jument de Michao“) oder an Rap und Hip-Hop gemahnende Gesangslinien („Suite Sudarmoricaine“) unterlegt, dann wird alte Musik plötzlich zeitgemäß – ohne indes an jener Emotion und Tiefe zu verlieren, die sich über Jahrhunderte wie eine Patina auf die Songs gelegt hat.

 

Highlights: Wer es eher klassisch mag, der hört sich einfach die wundervoll spartanisch instrumentierte Version von „Greensleeves“ oder die gälische Ballade „Siuil a ruin“ an: Hier dreht sich die Kopfkino-Filmrolle nämlich ganz schön gehörig: um endloses Grün, dramatische Bergketten, schroffe Uferfelsen und tiefes Blau.

Das kann nur über Folk und echte Ursprungselemente funktionieren, weshalb „Bretonne“ vor allem voller ambitionierter keltischer Musik steckt. Und für die haben die Deutschen ja seit jeher ein Faible, weil sie an wilde Märchenlandschaften erinnert, wie es sie nur in Irland, Schottland oder eben der Bretagne gibt. Nicht umsonst erfreuen sich Bands und Künstler wie Runrig, The Dubliners, The Pogues oder Enya hierzulande einer treuen Fangemeinde.

Natürlich: „Bretonne“ mag nur 15 auf Englisch, Französisch oder Gälisch gesungene Coverversionen von sattsam bekannten Traditionals wie „Greensleeves“ enthalten. Aber die ungemein gefühlvoll und reif klingende Stimme Leroys sowie die gleichsam dezenten wie gezielt eingestreuten Pop- und Rock-Elemente (Stakkato-Bassläufe, Sprechgesang) verleihen den Stücken eine eigene Note.

Und sie zeigen, wie enorm sich die Französin – die die „Performing Arts School of Hamilton“ in Cincinatti/USA besuchte und in Vichy klassische Musik sowie Jura studierte – seit ihren ersten drei Alben „Nolwenn“ (2003), „Histoires Naturelles“ (2005) und „Le Cheshire Cat et Moi“ (2009) weiterentwickelt hat.

Weg von einer Unentschlossenheit zwischen Pop, Chanson und Weltmusik hin zum Bekenntnis zu einem keltischen Folk-Pop-Rock, der gewiss nicht neu ist, aber von Leroy gesungen und vollendet von ihrem Produzenten John Kelly (Kate Bush, Paul McCartney, Duffy) ungemein modern klingt mit seinen steten Wechseln zwischen Tanzwut und Melancholie.

In Frankreich hat sich „Bretonne“ bereits 800 000 Mal verkauft

Leroy ist mit „Bretonne“ in Bezug auf Folk genau das gelungen, was Adele zuletzt für den Soul schaffte: die Popularisierung eines alten Genres für die junge Generation. In Frankreich ist sie schon ein Star. „Bretonne“ wurde über 800 000 Mal verkauft und war sieben Wochen lang die Nummer eins der Charts.

Wer im Internet recherchiert, der entdeckt sogar Erhebungen über die angeblich heilende Wirkung von Leroys Musik auf alte, depressive Menschen. Und nun – nach Künstlern wie Yann Tiersen und Zaz oder Filmen wie „Amelie“, „Willkommen bei den Sch’tis“ und „Ziemlich beste Freunde“ – könnte Leroy die Nächste in einer Reihe popkultureller Exportschlager aus Frankreich sein, die dem von der Casting-Inflation gequälten Publikum in Deutschland wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

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