Mit seinem zweiten Album „Caruso“ kam Nils Koppruch, der ehemalige Sänger von Fink, auf dem Label von Kettcar und Tomte unter.

St. Pauli. St. Pauli ist für viele Fischmarkt, Fußball oder der Kiez. Doch in diesem Hamburger Stadtteil wimmelt es auch von kleinen Galerien, Music-Clubs und zig Plattenläden. Kein Wunder, dass sich hier auch der Musiker und bildende Künstler Nils Koppruch niedergelassen hat. In einem Hinterhof, nahe der legendären Schanzenstraße, hat er im Kellergeschoss sein kleines Studio eingerichtet.

Durch die zwei winzigen Fenster erahnt man das Tageslicht, die Wände sind dunkelrot gestrichen, links und rechts befinden sich zahlreiche Instrumente, und am Ende des Raumes steht ein Schreibtisch mit Computer. Davor sitzt der 44-Jährige, dunkle Haare, Bart und leicht müde Augen. "Urlaub habe ich schon lange nicht mehr gehabt, das wird wohl erstmal auch nichts", sagt er, es klingt fast entschuldigend.

Seine neue Platte "Caruso" ist fertig, daher muss er mit seiner Band proben, dann auf Tour gehen und vorher noch eine Ausstellung organisieren. Doch jetzt nimmt er sich Zeit, lehnt sich zurück und trinkt einen Schluck Kaffee.

Zu Hause gab’s nur Musik von Daliah Lavi und Ivan Rebroff

Nils Koppruch wuchs "im nördlichen Speckgürtel von Hamburg" auf, "in einem kleinen Kaff". Doch schon früh, mit 16, zog es ihn in die große Weltstadt an der Elbe. "Ich habe erstmal eine Lehre als Koch absolviert", sagt er. Mit Musik hatte er eher wenig zu tun, auch seine Eltern haben ihm ein kulturelles Leben nicht vorgelebt. "Die hatten zwei Platten, eine von Daliah Lavi und eine von Ivan Rebroff", erinnert er sich und lacht. Dafür machte er viel Sport, Fußball und man mag es kaum glauben, Kunstturnen.

Gitarren haben ihn allerdings schon immer fasziniert. Ein Freund brachte ihm schließlich mit 20 Jahren das Gitarrespielen bei. Das war ein Glück für ihn, denn bald sang er in seiner ersten Band und gründete 1996 die Gruppe Fink, die über zehn Jahre lang mit ausgefallenen deutschen Texten und einer Mischung aus Country, Rock und Folk auf sich aufmerksam machte.

Bereits beim ersten Hören von "Caruso" fällt auf: Nils Koppruch klingt anders als bei Fink. Und das im positiven Sinne. Er schafft es, Country, Folk, Pop und Swing gekonnt zu verbinden. Die zwölf Songs handeln von der Liebe und dem Leben, mal nimmt er Abschied von seinem "Hamburger Berg", oder erzählt aus seinem Alltag als Musiker, singt Zeilen wie: "Caruso hätt’ sich aufgehängt." Davon ist Koppruch weit entfernt, auch wenn einige Songs eher schwermütig klingen. Das fand auch Helge Schneider, den wollte Koppruch für den Song "Caruso" als Pianisten haben. Er lehnte ab: "Das ist mir zu traurig."

Als frischer Blues-Song kommt die erste Single "Kirschen" rüber, sie hat fast schon Ohrwurmcharakter. Sehr schön ist der Track "Die Aussicht", Gisbert zu Knyphausen singt hier die zweite Stimme.

Fink war hin und wieder die Vorband von Element of Crime, Sven Regeners Trompetenspiel ist beim Lied "Loch in der Welt" im Hintergrund zu hören. Doch 2005 war nach sieben Alben Schluss, seitdem versucht Nils Koppruch sich als Solokünstler. 2007 erschien sein Debütalbum "Den Teufel tun", mit mäßigem Erfolg. Mit seiner neuen Platte "Caruso" will er neu durchstarten.

Die Hamburger Schule hält Koppruch für "elitär"

Bei verschiedenen Labels hatte er angefragt. "Grand Hotel van Cleef hat erst abgesagt, aber dann hat Marcus Wiebusch, der Sänger von Kettcar, angerufen und gemeint, wir wollen dich doch." Koppruch lacht. Wieder Glück gehabt. Schließlich steht er jetzt in einer Kollegen-Reihe mit Tomte, Kettcar oder Olli Schulz.

Die erste Singleauskopplung ist "Kirschen". Warum gerade dieses Lied? "Das haben andere für mich ausgewählt, ich kann das nicht entscheiden, ich finde alles gut", sagt Koppruch. Die Texte schreibt er selbst. Meine Grundmotivation ist es, eine definitive Aussage mit dem Song zu machen, nicht so einen Akustik-Müll", versucht er zu erklären.

"Die Hamburger Schule, wie Tocotronic oder Blumfeld, die habe ich nie geschnallt. Die ist so elitär auf ihre Art", sagt er. Nils Koppruch kann man nicht in eine Schublade packen, seine Musik ist schwer zu beschreiben, er selbst sagt: "Ich habe nie Indie-Rock gemacht und auch keine richtige Punk-Musik." Er versuche, sich neu zu erfinden, die Richtung bleibe aber eher Folk-Musik. "Bei Tomte, da hört man direkt Brit-Pop wie Oasis, bei mir ist das dann eher Tom Waits."

Im Herbst ist Koppruch auf Tour mit Gisbert zu Knyphausen

Warum zieht er nicht wie so viele andere Künstler nach Berlin? "Für meine Arbeit brauche ich nicht am Puls der Zeit oder besser: des Zeitgeistes zu sein. Ich werde dieses Rattenrennen nicht mitmachen", sagt er und zieht an seiner Zigarette. Im Moment wird fleißig geprobt mit seiner vierköpfigen Band, "sofern wir denn gemeinsame Termine finden". Denn seine Musiker gehen noch anderen Jobs nach, spielen zum Beispiel bei Fettes Brot.

Nach der Solotournee geht er zusammen mit Gisbert zu Knyphausen auf Tour, der auch schon bei dem neuen Song "Die Aussicht" mitwirkt. Am liebsten spielt Koppruch an besonderen Orten, wie "vor kurzem in Moskau. Dorthin hat mich das Goethe-Institut eingeladen." Oder auf dem Dach vom Musik-Club Uebel und Gefährlich (untergebracht in einem ehemaligen Bunker in Hamburg). Doch am allerliebsten möchte er mal im Café Keese spielen, natürlich nicht das in Berlin, sondern das in St. Pauli.

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