Drei Jahre Pause haben sich Phoenix gegönnt. Zeit, in der die vier Franzosen Kräfte gesammelt haben, um auf ihrem vierten Album wieder mal richtig auftrumpfen zu können.

Thomas Mars ist ein Ästhet. Immer wieder kommt der Sänger von Phoenix auf Schönheit zu sprechen, auf stimmige Gesamteindrücke und das Gefühl absoluter Geborgenheit, auch wenn direkt danach schon der Verweis auf die Vergänglichkeit wartet, die zwingende Endlichkeit aller Pracht. Ihrer muss man sich bewusst sein, um Perfektion erkennen zu können. Sonst torkelt man eindruckstrunken, ohne rechten Halt, durch das Leben. "Natürlich klammert man sich an das, was man schön findet", sagt er mit seiner weichen Stimme. "Irgendwann ist aber Schluss."

So wie bei "Love Like a Sunset", dem unnahbaren Klangmonster, das mit stolzen siebeneinhalb Minuten, aufgeteilt in zwei Tracks, den Kern ihres neuen Albums bildet. Drumherum herrscht scheinbar Wohlklang. Hört man allerdings genauer hin, sind Risse erkennbar, klingen feine Soundsplitter schon ein wenig stumpf. "Es ist wie ein Polaroid-Foto oder ein Tagebuch. Sie speichern Erinnerungen. Aber auch sie verblassen irgendwann."

Mit "Wolfgang Amadeus Phoenix", ihrem vierten Album, das am 22. Mai erscheint, haben die vier Franzosen von Phoenix wieder den Spaß am fleißigen Herumdoktern entdeckt. Er war ihnen bei ihrem letzten Longplayer, dem schnörkel-, fast sogar ein wenig lustlosen "It’s Never Been Like That", abhanden gekommen. Ihr Musikerdasein wies Ermüdungsbrüche auf.

Das inoffizielle Thema des Albums: Schönheit und ihre Vergänglichkeit

Gelangweilt von den eigenen Songs, spielten sie damals schnell ein paar neue ein, um auf den zahlreichen Gigs, für die sie seit ihrem Achtungserfolg "Alphabetical" aus dem Jahr 2004 gebucht worden waren, wieder das Gefühl von Abwechslung zu spüren. Ein gewisser zäher Gleichklang blieb trotzdem.

Phoenix waren in genau die Falle getappt, vor der sie sich immer gefürchtet hatten. Obwohl schon 1991 gegründet, wurden sie erst spät zu Berufsmusikern. 1997 brachten sie auf eigene Rechnung eine erste EP heraus, 2000 folgte das gefeierte Debüt "United", das, ganz im damaligen Trend, die achtziger Jahre wieder aufleben ließ. Man merkte, dass da ein noch völlig unverbrauchtes Quartett einen richtig großen Wurf gelandet hatte, dem es tatsächlich in erster Linie um seine Musik und nicht um eventuellen Starruhm ging. Von der Euphorie, die um die Band entflammte, ließen die Musiker sich allerdings mitreißen. Und brannten aus. Deswegen auch die drei langen Jahre Pause seit ihrem letzten Lebenszeichen.

Langweilig war Phoenix diesmal nicht. Von Kreativitätsstau und Tourmüdigkeit, wie auf ihrem letzten Album, ist auf "Wolfgang Amadeus Phoenix" nichts zu spüren. Was nicht heißt, dass die Songs schneller oder aufgekratzter sind. Phoenix haben sich nur wieder ein bisschen weg vom Offensichtlichen hin zur verspielten Versponnenheit bewegt, haben mit ihren neun neuen Tracks einiges gewagt, viel gewonnen, aber auch zweimal ein wenig daneben gegriffen. Schlimm ist das nicht, weil es lediglich belegt, wie viele Ideen die Franzosen diesmal hatten. Bis auf das nervös mäandernde Klangprojekt "Love Like a Sunset" (aufgeteilt in Part I und II) und das ruhig vor sich hin schrammelnde "Rome" bleiben sie beim knackigen Dreiminüter, peitschen ihren elegischen Indie-Pop in "1901" oder "Lasso" zum bassgetriebenen Pathos auf, immer entlang der schmalen Schnittstelle zwischen Beunruhigung und Geborgenheit. Dass sich "Fences" dabei etwas in Ziellosigkeit verliert und das durchaus angenehme "Girlfriend" dem direkt davor programmierten "Big Sun" zu sehr ähnelt, sind Schönheitsfehler. Der Gesamteindruck ist kompakt, trotz sperrigen Inhalts. Eigentlich eine kleine Meisterleistung.

Was sich seitdem geändert hat? "Wir haben uns angewöhnt, uns nicht mehr zu sehr zu beschränken", sagt Mars und lächelt hörbar. "Wir haben uns einfach manches nicht mehr zugetraut." Die Neigung, ihre musikalischen Vorstellungen auf ein Minimum zu reduzieren, fingen die Franzosen sich bereits bei den Arbeiten zu "Alphabetical" ein. "Wir haben damals einen Song mit dem Pariser Symphonie-Orchester aufgenommen und sind wirklich grandios gescheitert. Es hat nicht nur viel Geld, sondern auch einen Teil unseres Selbstbewusstseins gekostet."

Mit "Wolfgang Amadeus Phoenix" haben sie es wiedergefunden. Zwar steht das Orchesterwerk weiter aus, aber der Drang nach Höherem ist wieder spürbar. Er spiegelt sich auch im Albumtitel wider. Nicht etwa, weil sich Phoenix das Genie eines alten Meisters anmaßen. Es hat eher etwas mit dem inoffiziellen Thema ihrer Songs zu tun, der Schönheit und ihrer Vergänglichkeit. "Wir mögen die Vorstellung, etwas Ikonenhaftes aufzubrechen, ungefähr so, wie Dalí der Mona Lisa einen Schnurrbart aufgemalt hat." Konservierung durch ironische Brechung - auch ein Weg, sich wenigstens ein klitzekleines Bisschen unsterblich zu machen.

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