Aus Tom Gabel wurde Laura Jane Grace. Die Band Against Me! widmet der Transsexualität jetzt ein Album. Ein Schock wie Genuss gleichermaßen.

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Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Tom Gabel (2. von links) auf einem Bild der Band von 2012. (Oktober Promotion)

Ryan Russell, Bild 1 von 3

Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Düsseldorf. Am Telefon klingt sie schüchtern. Ihre Stimme ist leise, ihre Antworten sind kurz. Dass da eine Musikerin am anderen Ende der Leitung sitzt, die mit ihrer Band Against Me! jüngst ein vor Wut nur so strotzendes Album aufnahm, merkt man kaum.

Vielleicht, weil Laura Jane Grace jetzt, wo sie all diese Interviews zur Veröffentlichung von „Transgender Dysphoria Blues“ geben muss, erst so richtig klar wird, was sie mit dieser Platte heraufbeschworen hat: ein mittleres Erdbeben in der Rocklandschaft.

Musik, die ein Leben ausbreitet – und Ohrfeigen verteilt

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Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Tom Gabel (2. von links) auf einem Bild der Band von 2012. (Oktober Promotion)

NN, Bild 1 von 3

Tom Gabel (2. von links) auf einem Bild der Band von 2012. (Oktober Promotion)

„Transgender Dysphoria Blues“ gehört zu jenen Alben, die das Leben eines Menschen vor der Öffentlichkeit ausbreiten – und dabei Ohrfeigen verteilen. Es geht um Lauras Leben. Und Laura war bis vor einem Jahr noch ein Mann:

Tom Gabel, Sänger einer Punkband aus Gainesville/Florida, die sich seit 1997 kontinuierlich nach oben gespielt hatte. Früher Clubs, auf einmal Radio-Airplay, Hallen und Festivals. Es lief. Against Me! wurden in einem Atemzug mit erfolgreichen Massen-Punks wie Rise Against und Green Day genannt. Ihr Album „White Crosses“ kam 2011 in die Billboard-Charts.

Als Kind träumte Tom davon, wie Madonna zu sein

Punk
Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Against Me (von links): Inge Johansson (Bass), James Bowman (Gitarre), Laura Jane Grace (Gesang, Gitarre), Atom Willard (Schlagzeug).

Tom Gabel (2. von links) auf einem Bild der Band von 2012. (Oktober Promotion)

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Nur Tom Gabel war unglücklich. Er war damals 31 und steckte im falschen Körper. Schon als Kind, das in Georgia zur Welt gekommen war, mit seinen Eltern aber ständig umzog, weil der Vater als Major in der Army diente, habe Tom mit Puppen gespielt und davon geträumt, wie Madonna zu sein. Das schrieb der Journalist Josh Eells in einem Porträt im „Rolling Stone“. 2012 hielt Tom Gabel es dann nicht mehr aus: Er outete sich und entschied sich für eine Geschlechtsumwandlung.

Es kommt nicht so häufig vor, dass Musik und Texte auf einem Album einander so sehr bedingen wie im Falle von „Transgender Dysphoria Blues“. Wenn es aber vorkommt, dann steht am Ende Beeindruckendes. Sängerin Laura Jane Grace – zuvor Tom Gabel – hat all die Wut und Verzweiflung darüber, dass sie jahrzehntelang fremd im eigenen Körper war, in die nicht gerade zimperlichen Songgeschichten gelegt. Mal verpackt in hoch melodiöse Gitarrenriffs („True Trans Soul Rebel“), mal in rasende Akkordfolgen („Drinking With The Jocks“) und mal in einen treibenden Marsch-Rhythmus („Transgender Dysphoria Blues“) springen einen die Emotionen geradezu an. Stünde beides allein für sich, würde es sich „nur“ um Punkrock einerseits handeln – und um eine Wut andererseits, der die Unmittelbarkeit fehlt, um sie als Hörer nachzuempfinden. So aber trifft „Transgender Dysphoria Blues“ gleich zwei Herzen: das des Musikfans und das des mitleidenden Betrachters.

Nun ist Transsexualität kein neues Thema. Auch nicht in der zumeist von Männlichkeitsritualen dominierten Rockwelt. Da gab es zuletzt Keith Caputo, den Sänger der Metalband Life Of Agony, der zu Mina wurde. Vor ihm gab es Weltstars wie David Bowie, Marylin Manson oder Prince: Sie erhoben das Flattern zwischen den Geschlechtern zur Kunst.

Zudem richtet sich die Rockmusik vom Selbstverständnis ihrer Protagonisten her immer schon gegen Dogmen. Punk als Toms und Lauras Subkultur erst recht. Aber sogar im aufgeklärten Heute, selbst in ihrer eigenen, als besonders tolerant geltenden Punk-Szene hatte Lauras Schritt Folgen.

„Es gab und gibt Momente, in denen mich dieses Thema nervt und anwidert.“

Zeitungen, Magazine, Leute auf der Straße, Konzertbesucher – alle kamen plötzlich und stellten Fragen. „Ja“, sagt Laura, „es gab und gibt Momente, in denen mich dieses Thema nervt und anwidert.“ Und: „Manchmal ist eben auch die Punk-Szene sehr männlich-dominant.“ Ein paar Sekunden schweigt sie, dann schiebt sie hinterher:„Das erfahre ich bis heute.“

In solchen Momenten fühle sie sich an die High School in Naples/Florida erinnert, so kindisch und dumm redeten die Menschen um sie herum. Was bleibe ihr da schon anderes übrig, als die Flucht nach vorn anzutreten? „Ich versuche, dagegen anzukämpfen“, betont Laura. „Gegen Stereotype. Gegen Geschlechtsnormen. Gegen all diesen Mist.“

Ihre Waffen sind Worte. Worte, unterlegt mit den harten Gitarrenriffs ihrer Bandkollegen. Auf „Transgender Dysphoria Blues“ (der pathologische Begriff für die Depression eines Menschen, der sich psychisch anders fühlt als er physisch ist) singt Laura sich frei.

In „True Trans Soul Rebel“ etwa läuft ihr lyrisches Ich verzweifelt nach Akzeptanz suchend durch die Nacht. „Drinking With The Jocks“ gewährt den erschütternden Blick in die Gedanken einer Frau, die im Körper eines Mannes steckt und sich aus Scham an den derben Witzen ihrer „Kumpels“ über Schwule und Transsexuelle beteiligt. Dafür verachtet sie sich.

„Dieses Album ist meine Katharsis.“

„Transgender Dysphoria Blues“ ist musikalisch wie textlich Genuss und Schock gleichermaßen. Genuss, weil hier der alte Typus des Konzeptalbums, auf dem Melodie und Poesie einander bedingen, leidenschaftlich wiederbelebt wird. Schock, weil man sich fragt, wie diese Frau es schaffte, all die Jahre zu überleben.

Ein Weg, um Leidensgenossen, aber auch ewig Gestrige aufzurütteln

„Dieses Album“, sagt Laura, „ist meine Katharsis.“ Eine Erlösung. Ein Weg. Der einzige, um die Vergangenheit zu begraben. Und der erste Versuch eines Rockstars, so konsequent Schicksalsgenossen und ewig Gestrige aufzurütteln. Mit Musik, die sicher auch wieder im Radio laufen wird, so eingängig klingt sie in ihrem melodiös-wütenden Punkrock-Gewand. Kein Zweifel: „Transgender Dysphoria Blues“ passt hervorragend in die Gegenwart.

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