Die amerikanischen Indie-Rocker begeistern beim Abschluss ihrer Europatour in der ausverkauften Live Music Hall in Köln - mit 21 Songs und ehrlichen Worten.

nada surf
Nada Surf zogen das Publikum in Köln schnell in ihren Bann.

Nada Surf zogen das Publikum in Köln schnell in ihren Bann.

commons.wikimedia.org / Laura Musselman

Nada Surf zogen das Publikum in Köln schnell in ihren Bann.

Köln. Ein Knopf-Zwei-Typ. Brust zeigen ist nichts für Matthew Caws. Selbstbewusst wirkt der hochgeschlossene Nada-Surf-Frontmann beim letzten Konzert der Europatour trotzdem – und das völlig zu Recht. Dem ergrauten „Happy Kid“ mit dem Herzen eines traurigen Punks klebt das Publikum am Dienstag in der ausverkauften Live Music Hall an den Lippen.

Nada Surf ist spanisch und bedeutet, sich aus einer Depression zu befreien. Sänger und Gitarrist Caws, Bassist Daniel Lorca und Drummer Ira Elliot haben auch nach 20 Jahren Bandgeschichte noch die gleiche Mission: Die US-Indie-Rocker liefern den Soundtrack für eine Generation, deren Fluch und Segen die Multioption ist. Und gleich das erste Stück „Clear Eye Clouded Mind“ pustet den Saal mit einem stürmischen Gitarrenriff durch – während Caws von verwirrten Köpfen und spürbaren Wandlungen singt.

„Wenn ihr etwas trinken wollt, machen wir eine Pause“, sagt er. „Wir wollen euch mit allem, was ihr braucht.“ Doch das Publikum hat das Trio, das auf der Bühne durch Guided by Voices-Gitarrist Doug Gillard und Calexico-Keyboarder Martin Wenk verstärkt wird, sowieso auf seiner Seite. Zu sehr ist Caws der große Bruder. „Welcome back to real life, the picture is gone“, singt der 44-jährige in „Whose Authority“, das all den Märchen und Papierhelden absagt – und eine euphorisierende Gitarrenwand hochzieht.

Die Setlist mit 21 Songs ist mehr als eine Reise durch Nada Surfs sieben Alben. Die Gesichter im Publikum verraten das Lesen der eigenen Tagebücher: Erwachsene Männer schlucken bei „Killian’s Red“, Paare küssen sich zum poppigen „Concrete Bed“. Nada Surf treffen den Nerv mit einfachen Noten und Worten. Das beweisen nicht zuletzt die Titel „Jules and Jim“, das Wenk am Glockenspiel zuckert, und „The Way You Wear Your Head“, bei dem Leadgitarrist Gillard immer noch aufs Gas tritt, wenn die Verfolger längst außer Reichweite sind.

So großartig das alles ist, es bleibt Vorgeplänkel. Die Zugabe toppt alles: Zur großen Hymne „Inside of Love“ schunkelt der ganze Laden, „Always Love“ trocknet mit fetten Gitarren die ersten Tränen, der 90er-Jahre-Hit „Popular“ wischt den Rest schon weg. Und dann fordert Caws vom Publikum noch ein paar letzte Worte: „Oh Fuck it! I’m going to have a party“.

Es ist die besagte Befreiung: Drummer Elliot treibt das Stück „Blankest Year“ fast bis vor die Tür, Bassist Lorca raucht die gefühlt zwanzigste Zigarette, während Wenk energisch ins Blech bläst und Caws mit Kollege Gillard schwitzend das Letzte aus den Saiten zerrt. Auch auf der Bühne tanzen jetzt Fans. Mit Nada Surf geht’s eben raus aus der Depression.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer