Ihr Debüt-Hit „Smile“ dominierte vor drei Jahren die Radiostationen. Jetzt legt Lily Allen mit einem hinreißenden Pop-Album nach. Nur auf die Texte sollte man nicht zu intensiv hören.

Düsseldorf. "Reden wir drüber", hat Jürgen Fliege immer gesagt, als er noch im Ersten moderieren durfte. Lily Allen hat offensichtlich den gleichen Talk-Show-Komplex. Einfach mal alles rauslassen, was einen so umtreibt. Und dann das Ganze schön ausweiden. Nichts auslassen. Selbst die pikanten Details nicht. Wenn ans Eingemachte geht, sind sowieso alle viel zu verkrampft. So eine Gesprächstherapie kann da Wunder wirken.

"Dr. Allen weiß Rat" könnte das neue Album des britischen Neo-Girlies dementsprechend auch heißen. Im Grunde gibt es kein allgemeinpolitisches, sozialkritisches oder scheinintimes Thema, das von der 23-Jährigen nicht breitgetreten wird: Abhängigkeiten körperlicher und psychischer Natur (also Drogen), kleingeistige Vorurteilspflege (rassistische Alltagssprache) und nicht zu vergessen mannigfaltige Männerprobleme inklusive sexueller Unstimmigkeiten (was wir gar nicht genauer benennen wollen, auch wenn Miss Allen sich selbst hier gänzlich unverblümt präsentiert).

Trotz ihres zarten Alters hat sie das alles schon selbst erlebt. Da kann man das auch mal in ein paar Songs verarbeiten. Oder anders: Singen wir drüber!

Ihre Mutter ist Filmproduzentin, ihr Vater ein erfolgreicher Komiker

Dass Lily Allen einen profilneurotischen Hang zur Selbstentblößung pflegt, ist nichts Neues. Als Tochter einer Filmproduzentin und eines nicht unumstrittenen Komikers (Keith Allen) war sie es von klein auf gewohnt, ihr Leben mit der Öffentlichkeit zu teilen. Bis sie irgendwann auf den Trichter kam, dass genau diese Öffentlichkeit sie und ihre künstlerischen Ambitionen auch irgendwie verdient hat.

Ins Musikgeschäft wollte sie schon früh, bereits 2001 gab es erste Versuche, die damals 16-Jährige in Richtung Folk zu trimmen, was der launenhaften Jung-Diva aber nicht so recht passen wollte. Der Plattenvertrag war weg, aber die Überzeugung, ein Star werden zu müssen, blieb.

Und so wurde Lily Allen 2006 eine der Vorreiterinnen des MySpace-Booms, also Musikern, die ihre Songs über die Profilplattform zunächst vorstellten und schließlich auch, wegen enormer Nachfrage anderer Nutzer, vertrieben. Auch die Arctic Monkeys haben ihren Erfolg dieser viralen Netzpropaganda zu verdanken. Lily Allen allerdings wurde in Großbritannien der Prototyp dieses Vermarktungsmodells.

Mit welchem Label sie fortan zusammenarbeiten wollte, konnte sie sich aussuchen. Im Sommer 2006 stand dann "Smile", dieser süßliche Gute-Laune-Ohrwurm mit dem klapprigen Reggae-Unterbau, auf Platz eins der britischen Single-Charts.

Auch in Resteuropa zündete der etwas verstrahlte Sommer-Sound. Von ihren Eskapaden jedoch blieb der Kontinent unbehelligt. In ihrer Heimat dagegen war sie plötzlich, gemeinsam mit Amy Winehouse, der gefragteste Jungstar, von den Paparazzi auf Schritt und Tritt verfolgt, was zu manch hochstilisiertem Medienskandal führte, in dessen Mittelpunkt die Ruppig- und Zickigkeit von Miss Allen genauestens ausdiskutiert wurden.

Aber selbst das, die durch enormen Presserummel ausgelösten Selbstzweifel eines Promis, hat Allen in einen Song verwurstet. Seit Wochenbeginn steht "The Fear" an der Spitze der britischen Charts.

Wenn man das textliche Sammelsurium mitsamt der leicht postpubertären Mitteilsamkeit einmal außen vor lässt, ist Lily Allen ein richtig ansehnliches Album gelungen. Die sonnengeflutete Happy-Hour-Stimmung ihres Debüts "Alright Still" ist einem geradlinigeren Pop-Sound gewichen, dessen Songstrukturen zwar vorhersehbar sind, aber stets mit verspielten Klanggimmicks glänzen. Produziert hat Greg Kurstin, der Allens letztes Album noch gemeinsam mit Mark Ronson zu verantworten hatte.

Da Letzterer allerdings mittlerweile selbst zum massenträchtigen Star avanciert ist, hat sich Rampensau Allen bewusst gegen eine erneute Zusammenarbeit entschieden.

Schließlich möchte sie nicht mehr der nette Augenfang neben den ganz Großen sein - Robbie Williams oder den Kaiser Chiefs beispielsweise, die sich nach Allens kometenhaftem Aufstieg um sie als Gastsängerin rissen. Sie will alleine im Rampenlicht stehen. Und das wird sie 2009 auch mit großer Wahrscheinlichkeit tun. Denn die Vorbestellungsrate für "It’s Not Me, It’s You" ist laut britischen Plattenhändlern beträchtlich. Gut, dass wir drüber gesprochen haben.

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