Der Todestag von Nirvana-Sänger Kurt Cobain jährt sich zum 15. Mal. Drogensüchtig und dem Musikgeschäft nicht mehr gewachsen, erschießt sich der 27-Jährige mit einer Schrotflinte.

Der traurige Blick von Kurt Cobain – er war ein Markenzeichen des Musikers. Dieses Bild wurde 1990 in London aufgenommen.
Der traurige Blick von Kurt Cobain – er war ein Markenzeichen des Musikers. Dieses Bild wurde 1990 in London aufgenommen.

Der traurige Blick von Kurt Cobain – er war ein Markenzeichen des Musikers. Dieses Bild wurde 1990 in London aufgenommen.

Martyn Goodrace

Der traurige Blick von Kurt Cobain – er war ein Markenzeichen des Musikers. Dieses Bild wurde 1990 in London aufgenommen.

New York. Es ist der 18.November 1993. In den New Yorker Sony Studios sitzt Kurt Cobain auf einem Hocker. Mit seiner Band Nirvana, die zu diesem Zeitpunkt zur absoluten Elite der Musikwelt gehört, nimmt Cobain ein Konzert für die Unplugged-Reihe des Musiksenders MTV auf.

Der Sänger und Gitarrist ist blass und krankhaft dünn. Er schaut traurig und wirkt gebrochen. Das Bühnenbild gleicht einer Beerdigung: gedämpftes Licht, Blumen und schwarze Kerzen. Unter den 14 Liedern, die Nirvana spielen, sind sechs Coversongs. Fünf von ihnen handeln vom Tod.

Knapp fünf Monate nach dem Unplugged-Konzert, am 5. April 1994, nimmt der 27-jährige Rockstar eine Überdosis Heroin und schießt sich anschließend in der Garage seines Hauses in Seattle mit einer Schrotflinte in den Kopf. Einer der größten Rockmusiker aller Zeiten ist tot.

"Smells Like Teen Spirit" wird zur Hymne für die Generation X

Zu Stars werden Nirvana 1991 mit ihrem zweiten Album "Nevermind". Die Single "Smells Like Teen Spirit" wird zur Hymne für eine heranwachsende Generation, die sich in den gesellschaftlichen Zwängen verloren vorkommt - die Generation X: "I feel stupid and contagious, here we are now, entertain us" ("Ich fühle mich dumm und ansteckend, hier sind wir nun, unterhaltet uns").

Mit einem aggressiven Gemisch aus Punk und Metal beenden Nirvana die Pop-Kultur der 80er-Jahre mit Glitter-Rockern à la Bon Jovi. Der verlotterte Cobain mit fettigen Haaren sowie seine Bandkollegen Krist Novoselic (Bass) und Dave Grohl (Schlagzeug) stoßen die Kunstfigur Michael Jackson von Platz eins der US-Charts.

Kurt Donald Cobain wird am 20.Februar 1967 in Aberdeen in der Nähe von Seattle (Washington) geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Vater Don ist Tankwart, Mutter Wendy Hausfrau. 1987 gründet er die Band Nirvana. Die Grunge-Rocker bringen sieben Alben heraus. Vier erscheinen vor Cobains Tod, drei werden danach veröffentlicht. Am 24.Februar 1992 heiratet Cobain die Hole-Sängerin Courtney Love. Tochter Frances Bean kommt am 18.August 1992 zur Welt.

Der "Club 27" ist kein Mythos. Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison - alle starben sie im selben Alter. Rein statistisch stirbt ein Rockstar entweder mit 27 an seinen diversen Berufskrankheiten oder er verabschiedet sich von seinen tödlichen Gewohnheiten. Dann wird er bei Yoga und Makrokost so alt und faltig wie Iggy Pop. Als Bestätigung der Regel dient wie immer die Ausnahme Keith Richards. Wer über den "Club 27" spricht, darf über Amy Winehouse (Foto) und Pete Doherty nicht schweigen. Doherty ist gerade 30 geworden. Er hat überlebt. Mit 27 nahm Pete Doherty nichts anderes als Drogen zu sich. Amy Winehouse feiert im September ihren 26. Geburtstag. Ihre Abstürze werden mit genüsslicher Sorge verfolgt. Sobald die Sängerin auf allen Vieren vor ihre Wohnung kriecht, sind die Kameras dabei. Amy Winehouse schwankt ihrem 27. entgegen.

Im Städtchen Gronau im westlichen Münsterland, dort wo Udo Lindenberg zur Welt kam, zeigt aktuell das 2004 gegründete Rockmuseum eine Sonderausstellung mit dem Titel "The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore - Tod und Sterben in der Rockmusik". Eine Ausstellung, die die dunkle, morbide Seite des Glitzerbusiness zeigt. Zahlreiche CD- und Plattenhüllen legen davon Zeugnis ab. Vor allem aber die Lieder selbst: Neil Young singt im Hintergrund, dass es besser sei, rasch zu verbrennen als dahinzusiechen. Jim Morrison (Foto) singt "When The Music’s Over" und "The End". Als habe er bereits zu Lebzeiten an seinem eigenen Requiem gefeilt. Niemand wird im Pop so gern gesehen wie der Sensenmann. Eine sehr sehenswerte Ausstellung, die sich wegen der weiten Spanne für alle Generationen lohnt.

Das "Teen Spirit"-Video ist der meistgespielte Clip auf MTV. Dreckiger Rock - Grunge aus Seattle - ebnet sich seinen Weg. Weitere Bands aus Seattle wie Pearl Jam oder Soundgarden folgen.

Es gehört zum guten Nirvana-Ton, die Bühne auseinanderzunehmen

Kurt Cobain wird zum Grunge-Engel. Ein Außenseiter aus der Kleinstadt Aberdeen wird zur Ikone des Protestes gegen gesellschaftliche Wertvorstellungen und die Gier nach Macht und Geld. Seine Antworten sind Lustlosigkeit und Aggressivität.

Es gehört zum guten Nirvana-Ton, nach einem Konzert die Bühne auseinanderzunehmen. Drogenkonsum und Interviews über Selbstmord inklusive. "Ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber, was ich mit 30 mache, weil ich es eh nicht bis 30 schaffe. Du weißt doch, wie das Leben mit 30 aussieht. Darauf kann ich gut verzichten", sagt der Musiker.

Drogen und Selbstmordgedanken - für den Rockstar Cobain ist das aber mehr als das sonst übliche Rock-Rebellen-Zubehör. Schon in der achten Klasse gehören LSD und Marihuana zu seinem Alltag. Später kommen härtere Substanzen dazu: Als das Album "Nevermind" erscheint, nimmt der damals 24-Jährige regelmäßig Heroin.

Die Schuld dafür gibt er seiner zerrütteten Kindheit. Die Eltern Don und Wendy lassen sich scheiden, als Kurt acht Jahre alt ist. Das Kind ist psychisch gestört, hyperaktiv und nimmt starke Medikamente zur Beruhigung. Ein imaginärer Freund namens "Boddah", an den er auch im April 1994 seinen Abschiedsbrief richten wird, begleitet schon den vierjährigen Kurt.

"Er war der wandelnde Selbstmord", sagt Jugendfreund Ryan Aigner über den Teenager Kurt Cobain. Längst lebt er in zwei Welten. Als "Kurt Cobain" sieht er sich, wenn es ihm schlecht geht. In wenigen guten Phasen bezeichnet er sich in seinem Tagebuch als "Kurdt Kobain".

Realität und Vision vermischen sich. Nur die Musik gibt dem Jugendlichen, der sich das Gitarrespielen selbst beigebracht hat, einen gewissen Halt. 1987 gründet sich Nirvana. Sie spielen Konzerte vor 20 Leuten, ihr erstes Album "Bleach" erreicht 1989 lediglich die Fans rund um Seattle.

Und dann kommt 1991 der "Nevermind-Holzhammer", der Kurt Cobain in den Rock-Olymp befördert. Es folgt eine Hitsingle auf die nächste. Cobain ist der Rockstar, von dem er als Teenager immer geträumt hat.

Aber glücklich ist er nicht. Mit dem Druck der Plattenfirma, mit der Geldgier im Musikgeschäft kann er nicht umgehen. Die Veröffentlichung des 1993er-Albums "In Utero" wird immer wieder verschoben. "Programm-Macher und DJs: Werdet Immobilienmakler", schreibt er damals in sein Tagebuch.

Die Geburt von Tochter Frances Bean kann Cobain auch nicht retten

Der Junkie Cobain kommt nicht mehr klar, und die Hochzeit mit der ebenfalls drogenabhängigen Courtney Love, Sängerin der Rockband Hole, ist seinem Leben nicht zuträglich.

Auch Tochter Frances Bean, die am 18.August 1992 geboren wird, kann ihn nicht vom tödlichen Trip abbringen. Cobain will keine Ikone mehr sein, er hat keine Leidenschaft mehr.

Zerfressen von Selbstzweifeln, beginnt er das zu hassen, was er am besten kann: "Schon seit zu vielen Jahren verspüre ich beim Hören wie beim Machen von Musik keine Aufregung mehr", schreibt Cobain in seinem Abschiedsbrief.

"Bitte mach weiter Courtney, für Frances, für ihr Leben, das ohne mich viel größer sein wird." Mit diesen Worten endet der Brief. Nach einem kurzen und heftigen Dasein will ein kranker Cobain seine Ruhe haben und niemandem im Weg stehen.

Was nach seinem Tod passiert, ist allerdings alles andere als ruhig. Schon bei einer Trauerfeier für die Fans kommt es zu Tumulten, als Courtney Love den Abschiedsbrief vorträgt - mit ihren eigenen Kommentaren, in denen sie ihren Mann beschimpft: "Halt’s Maul! Scheißkerl! Warum konntest du es nicht einfach genießen?" Vorwürfe, Courtney hätte Kurt in den Tod getrieben, und wüste Mordtheorien kursieren in der Fanszene.

Die Witwe vermarktet den toten Cobain. Sie gibt seine Tagebücher zur Veröffentlichung frei und zankt sich mit Dave Grohl und Krist Novoselic um die Rechte am musikalischen Nachlass des Nirvana-Sängers.

Nach einem langen Rechtsstreit erscheint erst 2002 ein Best-Of-Album, auf dem die letzte Studioaufnahme der Grunge-Ikone ist: "You know you’re right".

2006 nimmt die Welt zur Kenntnis, dass Cobain der "am besten verdienende Tote" auf dem Globus ist. Sein kommerzieller Wert liegt weit höher als der von Elvis Presley. Auch nach dem Tod kann sich Cobain also nicht vom Musikgeschäft lösen.

Eine Erlösung, nach der er sich schon an jenem Abend beim MTV-Unplugged-Konzert sehnt. Voller Emotionen und mit geschlossenen Augen schmettert er die letzte Zeile der allerletzten Zugabe "Where Did You Sleep Last Night?" Seine Stimme bricht und lässt die Zeile zu einem Urschrei werden.

MTV-Redakteurin Amy Finnerty fasst den Eindruck des Publikums zusammen: "Man brauchte sich bloß seinen Gesichtsausdruck vor der letzten Note ansehen. Es wirkte, als atme er seinen letzten Lebenshauch aus."

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