Die Band Kraftwerk erobert seit 1970 mit elektronischer Musik die Welt – von Personenkult halten die Mitglieder nichts.

Kraftwerk bei einem Auftritt im New Yorker Museum of Modern Art im April.
Kraftwerk bei einem Auftritt im New Yorker Museum of Modern Art im April.

Kraftwerk bei einem Auftritt im New Yorker Museum of Modern Art im April.

dpa

Kraftwerk bei einem Auftritt im New Yorker Museum of Modern Art im April.

Düsseldorf. Vielleicht war es der 26. Oktober 1977, der ihnen den Durchbruch brachte. Es ist zumindest eine romantische Vorstellung. Denn an diesem Tag im Jahr, in dem in London der Punk losbrach und dem Pop entsagte, zierten Kraftwerk das Cover des weltberühmten, englischen Musikmagazins „Sounds“. „The New Musick“ stand da über ihren Köpfen. Die neue Musik. Ohne Gitarren. Dafür mit zackig-deutschem „ck“.

Weil Kraftwerk mit ihrem kühlen Computersound und Stücken wie „Autobahn“ eben teutonisch rüberkamen. Und weil sie genau damit die Musikwelt umwälzten: Kein anderer Künstler, keine andere Band aus Deutschland prägte zuvor und seitdem die Popmusikwelt so sehr wie die Düsseldorfer.

Dem Land, das damals keiner mehr auf der Rechnung hatte. Natürlich fallen stets die Namen Can, Scorpions oder Rammstein, wenn von stilbildender Musik aus Deutschland die Rede ist. Aber sie alle wärmten doch nur Altbekanntes auf. Kraftwerk hingegen bescherten Ungehörtes.

Die klassische Besetzung schuf fünf Blaupausen elektronischer Musik

Zwar hatten auch sie 1970 – gegründet von Ralf Hütter und Florian Schneider – zunächst mit wirren Geräusch-Experimenten zwischen Stockhausen, Psychedelic und Flötentönen ihre krude Orientierungsphase. Aber dann traten Wolfgang Flür (Schlagzeug) und Karl Bartos (Keyboards) in die Welt des bandeigenen Kling-Klang-Studios an der Düsseldorfer Mintropstraße.

Und diese klassische Kraftwerk-Besetzung veröffentlichte zwischen 1974 und 1981 „Autobahn“, „Radio-Aktivität“, „Trans Europa Express“, „Die Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ – die fünf Blaupausen elektronischer Musik. Melodien und Soundlandschaften vom Reißbrett. Synthetisch zwar. Aber wunderschön.

Sie haben den Endlos-Datenstrom vorweggenommen

In der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW präsentiert Kraftwerk zwischen dem 11. und 20. Januar bei acht bereits ausverkauften Konzerten alle Studioalben seit „Autobahn“.

Kraftwerk veröffentlichten in verschiedenen Besetzungen zehn Studioalben, ein Remix-Album und ein Live-Album („Minimum-Maximum, 2005).

Um das visionäre Ausmaß zu begreifen, muss man sich bewusst machen, dass Kraftwerk musikalisch wie textlich das heutige Multimedia-Zeitalter zwischen Endlos-Datenstrom, alles beherrschender Elektrizität und künstlichen Welten vorwegnahmen.

David Bowie wurde zum Fan. Die nächste Generation von Elektrobands – Depeche Mode, OMD, Human League – bediente sich bei ihnen. Und weil unter anderem der 22-minütige Klangritt „Autobahn“ gar die Szene-Tanzflure in Detroit und New York beschallte, entsprangen aus der Kraftwerk-Quelle auch noch Techno und House.

Abseits der Musik trug die Band dazu bei, über die Legende hinaus auch noch zum Mythos zu werden: Weil Kraftwerk Personenkult kategorisch ablehnen, lassen sich die offiziellen Interviews bis heute an zwei Händen abzählen. Dass jene Band, die jetzt an acht Abenden in Düsseldorf spielen wird, nach den Ausstiegen Flürs (1986), Bartos‘ (1990) und Schneiders (2008) eigentlich nur noch aus Hütter besteht, tut den Dimensionen keinen Abbruch.

Kraftwerk mögen von der Welle, die sie einst lostraten, überrollt worden und von Nachahmern abgelöst worden sein – sie bleiben die, die den Anfang machten.

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