Hip-Hop und Rap sind erstmal passé. Auf seinem Solo-Debüt frönt König Boris von Fettes Brot Disco und Post-Punk – Sozialkritik inklusive. Projektname: Der König Tanzt.

Interview
Alles dreht sich: König Boris macht als Der König Tanzt Musik zwischen Disco und Debattierclub.

Alles dreht sich: König Boris macht als Der König Tanzt Musik zwischen Disco und Debattierclub.

Alles dreht sich: König Boris macht als Der König Tanzt Musik zwischen Disco und Debattierclub.

Jens Herrndorff, Bild 1 von 2

Alles dreht sich: König Boris macht als Der König Tanzt Musik zwischen Disco und Debattierclub.

Düsseldorf. Auf Ihrem ersten Solo-Album gibt es keinen Hip-Hop, sondern Discopop, Elektronik und New Wave. Im Video zur Single „Alles dreht sich“ tanzen Sie mit Schminke im Gesicht und singen „Wer jetzt nicht spinnt, der lebt nicht“. So kennt man Sie nicht. Also spinnt König Boris jetzt wirklich?

König Boris: Wenn das Ihr erster Eindruck von meinem Album sein sollte, dann bin ich sehr glücklich.

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Alles dreht sich: König Boris macht als Der König Tanzt Musik zwischen Disco und Debattierclub.

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Jens Herrndorff, Bild 1 von 2

Alles dreht sich: König Boris macht als Der König Tanzt Musik zwischen Disco und Debattierclub.

Auf jeden Fall hat das alles mit Fettes Brot rein gar nichts zu tun. Es klingt eher nach einem Befreiungsschlag von Ihrer Hauptband, die ja derzeit eine Schaffenspause macht.

König Boris: Ich sage es mal so: Ich lebe mit Der König Tanzt meine zweite musikalische Sozialisation aus. Ich wurde ja nicht nur mit Rap und Hip-Hop groß, sondern eben auch mit New Wave, Post-Punk und anderen Genres.

Und woher kommt der Sarkasmus in den Texten, der die Mediengesellschaft so aufs Korn nimmt – gerade wo Fettes Brot ja eher für braven Humor bekannt sind?

Das erste Soloalbum von König Boris heißt nicht nur wie die Band, die den Fettes-Brot-Frontmann durch die zwölf Songs begleitet: „Der König Tanzt“. Es ist auch genau das: königlich tanzbar. Außerdem ist es Aggro-Pop. Die erste Video-Singleauskopplung „Alles dreht sich“ überzeugt mit Wummer-Bass und Stakkato-Synthesizer, dazu gibt’s die Feststellung: „Die Speicher sind voll, die Köpfe sind leer.“ Selten hat Gesellschaftskritik so sexy geklungen.

Der Titelsong erinnert an New Order und ohrfeigt alle wach, die ihr Leben auf Castingshows aufbauen. Der ungeheure Elektro-Beat-Ohrwurm „Häuserwand“ ist ein assoziativer Streifzug durch die erschlagende Anonymität der modernen Großstadt. „Schwanenteich“ kommt als feiner Funkpop mit Ätz-Refrain daher: „Ey, was heult Ihr denn? Läuft doch alles glatt. Alles geht bergab.“ Und „Holidays im Krieg“ schafft es, im Stile einer Reportage im Boulevard-TV die Wörter „Strand“, „Molotow-Cocktail“, „Flip-Flop“ und „Panzer“ in wenigen Sätzen zusammenzubringen.

König Boris: Das ist dem Zeitgeist geschuldet. Ich habe den Eindruck, dass derzeit sehr viel Nabelschau im deutschen Fernsehen betrieben und dabei viel zu viel Persönliches erzählt wird. Männer stellen sich im Schlafanzug auf die Bühne und singen traurige Lieder darüber, dass sie Probleme haben, Mädchen kennenzulernen. Da hatte ich das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen, das etwas lauter ist und das die Welt, in der wir leben, mit ihren großen Problemen behandelt. Ich denke, es ist falsch, sich angesichts dessen, was draußen vor sich geht, ins Private zurückzuziehen. Ich fordere: Bleibt dran!

So nach dem Motto: Früher hat sich im Pop alles um Liebe gedreht, heute ist Kritik an der Finanzkrise angesagt?

König Boris: Zum Beispiel. Natürlich: Den Leuten ist die heutige Zeit zu unübersichtlich. Die Neuigkeiten und Informationen werden uns mit irrsinniger Geschwindigkeit um die Ohren gehauen. Und da ziehen sich viele aus Überforderung und Angst zurück. Aber das ist falsch. Aussteigen ist nicht der richtige Weg. Man muss sich positionieren.

Wäre diese Art von Musik und Texten auch mit Fettes Brot möglich?

König Boris: Fettes Brot sind zwar bekannt dafür, sehr offen zu sein. Aber so wie die Platte ist, musste sie schon zwingend ein Soloalbum sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich das alleine machen muss.

Wie kamen Sie denn auf die Idee, sozialkritische Texte ausgerechnet mit extrem tanzbarer Musik zu unterlegen?

König Boris: Die Musik allein spielt keine Rolle. Für mich ist es die höchste Form von Pop, Inhalt und Form zusammenzubringen und zwei Ebenen zu schaffen: Auf der musikalischen Ebene lässt man sich mitreißen und tanzt. Auf der inhaltlichen Ebene wird man gleichzeitig von den Texten angesprochen. Und das passt auf „Der König Tanzt“ meiner Meinung nach gut zusammen.

Ist die Gegenwart mit ihren globalen Problemen – Umweltzerstörung, Kriege, Kapitalismus – besonders geeignet, um Songs über sie zu schreiben?

König Boris: Ja. Irgendwie schon. Ich denke, es tut Popmusik generell gut, wenn man nicht in allzu rosigen Zeiten lebt.

In einem der wenigen unkritischen Songs singen Sie „Nur für einen Tag, so wie’s früher war“ und trauern der Jugendzeit mit Ihren Kumpels hinterher. Werden Sie mit 37 etwa alt?

König Boris: Ich bin aufgrund meiner privilegierten Situation als Musiker sicherlich nicht in jener Altersmühle, in der sich Menschen befinden, die einen normalen Job haben. Aber: Auf jedem Album muss ein Song sein, der nostalgisch ist. Das ist erlaubt. Zumal: Vorm Computer sitzen und alte Schulfreunde googlen – dabei hat sich doch jeder schon einmal erwischt.

Kennen Ihre Kollegen Doktor Renz und Björn Beton von Fettes Brot Ihre Platte eigentlich schon?

König Boris: Ja, klar. Denen habe ich die Platte schon vorgespielt – da war ich ziemlich stolz und ganz schön aufgeregt!

Und?

König Boris: Die fanden das richtig gut! Haben Sie jedenfalls gesagt. Vielleicht wollten sie ja auch nur Gentlemen sein. (lacht) Aber nein. Ich kenne die beiden ja nun schon eine ganze Weile. Das kann ich ganz gut einschätzen. Die sagen die Wahrheit.

derkoenigtanzt.com

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