Kelly Clarkson war nach ihrem letzten Album fast weg vom Fenster. Deswegen macht sie jetzt wieder Teenie-Pop. Fragt sich nur, ob sie dafür mit 26 nicht langsam etwas zu alt ist.

Düsseldorf. Es soll niemand behaupten, Kelly Clarkson sei nicht lernfähig. Keine zwei Jahre liegt ihr Ausflug in die Selbstverwirklichung zurück. Sie wollte endlich eigene Songs präsentieren, ohne sich ständig von Management und Plattenfirma reinreden zu lassen. Das Ergebnis, ihr drittes Album "My December", wurde das, was man einen verhältnismäßigen Flop nennt. 2,5 Millionen verkaufte Einheiten sind nicht schlecht, gemessen am Erfolg des Vorgängers "Breakaway", der 13 Millionen Exemplare absetzte, allerdings nicht weiter nennenswert.

Alle Warnungen, sie würde mit ihrer ungewohnt düster geratenen Indie-Pop-Melange ins offene Messer rennen, schlug sie in den Wind und suchte sich noch in der Woche der Veröffentlichung ein neues Vermarktungsteam, bereits das dritte, seit ihre Karriere 2002 durch ihren Sieg bei der ersten Staffel von "American Idol" in Gang kam.

Doch erst, als nicht nur die Verkaufszahlen, sondern auch die Ticketreservierungen für ihre geplante Winter-Tour 07/08 in den Keller gingen, setzte ein Denkprozess bei Clarkson ein. Sie nahm die Scheuklappen ab, schaute nach rechts und links und musste erkennen, dass sie von allen Seiten abgehängt wurde. Das hat geschmerzt. So sehr, dass sie sich kurzerhand all jene als Input-Lieferanten griff, die an ihr vorbeigezogen waren.

Auch ihr alter Produzent Max Martin steuerte einen neuen Song bei

Vor allem eventuell vorhandene Stutenbissigkeit durfte sie sich dabei nicht erlauben, denn zwei ihrer neuen Songs ließ sie sich von der jungen Dame schreiben, die momentan in Sachen Power-Spaß-Pop weltweit den Ton angibt. Wobei nicht ganz klar ist, ob die beiden Tracks nicht bereits existierten, als Clarkson bei Katy Perry an die Tür klopfte.

Denn ein bisschen klingen die preschenden Blaupausen-Abrocker, als hätten sie bei Perry einfach nicht mehr aufs Album gepasst. Außerdem existierten sowohl von "I Do Not Hook Up" als auch von "Long Shot" Versionen im Netz, die noch von Perry selbst eingesungen wurden.


Irgendwie merkt man dem Album an, dass Kelly Clarkson der Schritt zurück zum Teenie-Pop nicht leicht gefallen ist.

Viele der routiniert auf Krawall gebürsteten Songs klingen halbherzig, vielleicht auch deswegen, weil das Material mehrheitlich von der Resterampe stammt.

Neben den zwei Songs, die Katy Perry aus ihrem Archiv gekramt hat, müht sich Clarkson an einfallslosen Nummern des schwedischen Plastik-Pop-Produzenten Max Martin und an Covern des bislang unentdeckt gebliebenen Brüder-Duos Aranda aus Oklahoma ab ("All I Ever Wanted", "If No One Will Listen").

Zu guter Letzt steuert Ryan Tedder, der zurzeit wohl erfolgreichste Songschreiber (Leona Lewis’ "Bleeding Love"), das erstaunlich gelangweilte "Already Gone" bei.

Diese viel zu oft gehörte Mischung aus Schrammel-Gitarren und Synthesizer-Dramatik, unterlegt von jeder Menge wuchtiger Beats, könnte vielleicht noch funktionieren, wenn Clarksons kraftvolles Organ diesmal nicht so seltsam unleidig klänge. Als hätte in der hinteren Studioecke jemand mit der Peitsche gewunken.

Erfolg hat sie jetzt wieder. Nur zu welchem Preis?

Egal, hat sich Clarkson offensichtlich gedacht. Lieber mit Zweitverwertungsmaterial einen Hit landen als mit eigenen Kompositionen noch mal auf die Schnauze fliegen. Selbst bei ihrem einstigen Stammschreiber Max Martin kroch sie zu Kreuze, dass er ihr noch einmal einen solchen Knaller auf den Leib flicken möge wie 2005 ihren Über-Hit "Since U Been Gone".

Auch Martin hatte noch etwas in der Schublade: "My Life Would Suck Without You" entspricht in jeglicher Hinsicht den Erwartungen, die man an Clarkson gestellt hätte, wäre ihr letztes Album nicht gewesen. So aber wirkt die wiederentdeckte Girlie-Pose, die sie für das zugehörige Video pflegt, wie eine bittere Anbiederung an das, was sie eigentlich nicht mehr sein wollte: ein Teeniestar.

Ihre Fans sehen das offensichtlich anders und schienen nur darauf gewartet zu haben, dass Clarkson endlich mal wieder pubertär ins Mikro röhrt. In den USA schaffte die Single Ende Januar den höchsten Sprung, der jemals einem Song innerhalb der offiziellen Charts gelungen ist, von 97 auf die 1. In Großbritannien schnappte die 26-Jährige sich dann vergangenen Montag die Pole Position. Und auch bei Betrachtung der deutschen Trendcharts sieht es so aus, als würde ihr hierzulande ihr dritter Top-Ten-Titel gelingen.

Kelly Clarkson wollte nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken

Der Leidensdruck, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, war im Endeffekt dann doch größer als der Wunsch, musikalisch endlich erwachsen zu werden. Dank der Ochsentour, die sie vor ihrer Karriere in Kantinenküchen und Kostümen von Vergnügungsparkmaskottchen über sich ergehen ließ, weiß sie, wie es ist, dem Erfolg hinterher zu rennen. Das Problem hat sie mit ihrem derzeitigen Comeback aber nicht beseitigt, sondern eher auf die lange Bank geschoben. Denn spätestens beim nächsten Album dürfte ihr niemand mehr die Teenie-Pose abnehmen. Mit Ende 20 ist das eher schwierig.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer