Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper, freute sich, dass «Mahagonny» beim Publikum gut ankam. Foto: Roland Schlager
Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper, freute sich, dass «Mahagonny» beim Publikum gut ankam. Foto: Roland Schlager

Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper, freute sich, dass «Mahagonny» beim Publikum gut ankam. Foto: Roland Schlager

dpa

Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper, freute sich, dass «Mahagonny» beim Publikum gut ankam. Foto: Roland Schlager

Wien (dpa) - Die große Oper der Kapitalismuskritik im Tempel der luxuriösen Hochkultur: Was wie ein Paradoxon klingt, wurde an der Wiener Staatsoper zu einem musikalischen Glücksfall.

Die Erstaufführung der Oper «Aufstieg und Fall Mahagonny» von Kurt Weill und Bertolt Brecht am noblen Haus am Ring fand am Dienstagabend viele Freunde. An der Spitze des beklatschen Ensembles begeisterten Elisabeth Kulman als kühle Witwe Begbick und Christopher Ventris als Holzfäller Jim Mahony.

«Können uns und euch und niemand helfen»: Eine eigenwillige Trauergemeinde ist es, die am Ende die eigene Illusion zu Grabe trägt. Eine düstere Karnevalsgesellschaft in abstrakten, schrägen Kostümen, die noch an Exzess und Überfluss erinnern. Da sitzt nicht nur ein Hut auf dem Kopf, sondern gleich eine Hutschachtel, die Formen sind üppig und eckig.

Kostümbildnerin Vanessa Sannino treibt so die Verfremdung auf die Spitze, die Regisseur Jérôme Deschamps zum Prinzip seiner Inszenierung macht. Der französische Theatermacher hatte angekündigt, Brecht mit seinem Prinzip des epischen Theaters beim Wort zu nehmen. So nimmt er sich als Regisseur zurück und stellt die Kapitalismus- und Gesellschaftskritik des Stücks in den Vordergrund.

Das Spiel um Gründung und Verfall Mahagonnys, der Stadt des Vergnügens, in der es die einzige Sünde ist, kein Geld zu haben: In dieser Farce dient der stets auf der Bühne sichtbare Regisseur (Heinz Zednik) dem agierenden Regisseur Deschamps als Instrument, die Damen und Herren Bankdirektoren, Firmenchefs und Gesellschaftslöwen im Parkett zum Teil der Inszenierung zu machen. Doch dieser «Ordnungsruf», wie er es im Vorfeld nannte, bleibt mehr als 80 Jahre nach der von Tumulten begleiteten Uraufführung eher leise.

Deschamps legt es in die Hände seiner Protagonisten, die lehrhafte Parabel zu einem lebendigen Spiel zu machen. Das gelingt vor allem der darstellerisch wie stimmlich virtuosen Elisabeth Kulman. Ihre Leokadja Begbick ist eine kalt kalkulierende Zynikerin, die ihre Kumpane Fatty (Herwig Pecoraro) und Dreieinigkeitsmoses (Tomasz Konieczny) gut im Griff hat und in den jazzigen Partien Temperament zeigt.

Sie behält die Fäden in der Hand, auch als das Konzept der «Netzestadt» Mahagonny zunächst nicht aufgeht. Angelika Kirchschlager verleiht der spröden Hure Jenny Hill mit rauem Unterton kühle Sinnlichkeit, bleibt stimmlich aber ein wenig bedeckt. Tenor Christopher Ventris wird mit weichem Klang zur Symbolgestalt der Verlierer im Diktat des Exzesses.

Die Wiener Philharmoniker klingen gelöst und locker an diesem Abend. Das Orchester hat unüberhörbar Freude an der Herausforderung, die Weill mit den raschen Stilwechseln und der akzentuierten Rhythmik an die Musiker stellt. Dirigent Metzmacher lockt die Klassik-Spezialisten aufs Tanzparkett der Zwischenkriegszeit und führt sie geschmeidig durch die musikalisch anspielungsreiche Partitur.

Dominique Meyer konnte sich als Direktor im zweiten Jahr seiner Amtszeit über gute Stimmung bei der Premiere freuen, die er als «Flucht aus der Traviata-Welt» bezeichnet hatte. Sein Konzept, das Repertoire des sehr traditionell orientierten Hauses langsam, aber kontinuierlich auszuweiten, stieß auf großen Zuspruch. Die Gäste der Wiener Erstaufführung und erste Kritiken zeigten sich vor allem von den musikalischen Qualitäten des Abends überzeugt.

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