30. Todestag, 70. Geburtstag, 50 Jahre Beatles: Im Jahr der Jubiläen legt die EMI das Gesamtwerk von John Lennon neu auf. Und würdigt damit einen Avantgardisten.

Allein am Flügel: John Lennons Solo-Jahre waren geprägt von politischem Aktivismus – ...
Allein am Flügel: John Lennons Solo-Jahre waren geprägt von politischem Aktivismus – ...

Allein am Flügel: John Lennons Solo-Jahre waren geprägt von politischem Aktivismus – ...

Allein am Flügel: John Lennons Solo-Jahre waren geprägt von politischem Aktivismus – ...

Das Jahr 1970: Er hatte gerade die größte Band des Planeten aufgelöst. Hatte die Fesseln, die seinen Freigeist hielten, abgeworfen - weil er noch so viel sagen wollte. Und er sagte es, unverblümt wie nie zuvor. Fast so, als hätte er geahnt, dass ihm nur noch zehn Jahre bleiben sollten, bis ihm ein Psychopath namens Mark David Chapman in New York eine Kugel in den Leib jagen würde.

Am 9.Oktober wäre John Lennon 70 geworden. Was neben dem monumentalen Oeuvre der Beatles von ihm blieb, das sind seine acht Solo-Alben. Sie standen stets im Schatten der Beatles-was ein Fehler ist, denn sie legen Zeugnis ab von Lennons Genie und fordern die Frage, was dieser Künstler der Welt wohl noch alles hätte schenken können.

Ein Leben zwischen Musik und Happening

In diesem Jahr, in dem pünktlich zu seinem Geburts- und Todestag (8. Dezember) sowie dem 50. Jahrestag der Gründung der Beatles allerorten auf Lennons Erdenzeit zurückgeblickt wird, bleibt festzuhalten, dass er - mehr noch als der stets in einem Atemzug mit ihm genannte Paul McCartney - ein Prototyp war. Der Prototyp eines Musikers nämlich, der zwar Berühmtheit erlangte als Hirn und Herz einer Band, die die Welt veränderte. Der sich aber erst nach deren Ende zum vollständigen Künstler entwickelte.

Lennons Solo-Jahre waren die Jahre, in denen er zu jenem kreativen Individuum reifte, das seine Persönlichkeit schlussendlich ausmachte und auf das er Zeit seines Lebens hingearbeitet hatte. Die Anfangstage bei den "Quarrymen", die frühen Auftritte im Hamburger Kaiserkeller, der Beat, die "erwachsene" Phase der an Phasen so reichen Beatles-Zeit - all das war abgehakt, als Lennon in einem irrsinnigen Wettstreit mit McCartney die Band auflöste und sich lossagte. "I don’t believe in Beatles! I just believe in me", singt er auf seinem ersten Album danach, "Plastic Ono Band", im Song "God". Das lässt wenig Spielraum für Spekulationen.

Yoko Ono, Lennons zweite Frau und bis heute allgewaltige Wächterin über sein Vermächtnis, hatte großen Anteil an dieser Verwandlung. Sie, die ihrem Mann noch nicht einmal im Studio von der Seite wich und so zum roten Tuch für die Beatles wurde, offenbarte Lennon neue Wege in die Kunst zwischen Aktion und Happening. Mit ihr setzte er sich tagelang ins Bett und ließ sich dort für den Weltfrieden interviewen. Mit ihr verließ er die "Provinz" England und seine Heimat Liverpool, um nach Los Angeles zu ziehen. Und trotzdem spielte die wohl wichtigste Rolle für seine Wandlung der eigene Drang, sich zu entfalten.

Musik, die das Innere nach außen trägt und eine klare Sprache spricht

Anlässlich der Lennon-Gedenktage holt die EMI zum Rundumschlag aus: Neu veröffentlicht werden die acht Solo-Alben in einer digital überarbeiteten Version - produziert von Yoko Ono und Lennons altem Co-Produzenten Jack Douglas, umfangreiche Live-Aufnahmen inklusive. Zusätzlich erscheinen zeitgleich die "John-Lennon-Signature-Box", die Hits-Compilation "Power To The People" und das 4-CD-Box-Set "Gimme Some Truth", das nach Themen geordnet ist.

Spätestens seit dem Ausschlachten des Johnny-Cash-Nachlasses ist diese Veröffentlichungspolitik en vogue. Und im Fall der zwischen 1970 und 1984 veröffentlichten Lennon-Alben ist sie auch zweifelsohne gerechtfertigt. Die überarbeiteten Songs bestechen im Vergleich zu den etwas angestaubten Originalen durch eine verblüffende Klangbrillanz. Vor allem die musikalisch "abgespeckte" Version von "Double Fantasy" (1980) kommt unheimlich druckvoll daher und könnte vor wenigen Tagen aufgenommen sein. Was am wichtigsten ist: Der Blick einer jungen Generation wird auf ein Werk gelenkt, das die Notwendigkeit zur Weitergabe quasi in sich trägt.

Lennon wollte nicht bis in alle Ewigkeit "Yesterday" singen, noch dazu, weil nicht er den unumstrittenen Geniestreich der Beatles komponiert hatte, sondern Nemesis McCartney. Nein, er hatte nach Jahren des Streitens mit den riesengroßen Egos seiner Kollegen, des Experimentierens mit Drogen und der Besuche bei diversen Gurus seine Bestimmung gefunden: Musik, die das Innere nach außen kehrt und eine klare Sprache spricht. Musik, die die Welt in ihrer desillusionierenden Gesamtheit erfasst.

Von "Plastic Ono Band" und "Imagine" über "Some Time In New York City", "Mind Games", "Walls And Bridges", "Double Fantasy" bis hin zu "Milk And Honey" - mit Ausnahme des nostalgischen "Rock’n’Roll" (1975) enthalten alle Lennon-Alben ihren politischen Aufschrei ("Working Class Hero", "Woman Is The Nigger Of The World"). Sie zeigten Lennon so intim wie nie zuvor ("Crippled Inside", "Borrowed Time"). Und sie waren musikalisch ein Schritt "back to the roots", weit entfernt von der "Sgt.-Pepper’s"-Verkopftheit. Sie waren Pop und Rock in allen Spielarten, die sich mit tollen Melodien dem Mainstream anschlossen und doch tiefgründig blieben.

Wenn Yoko Ono singt, werden die Nerven ordentlich strapaziert

Auch wenn nicht jeder Song ein Kleinod ist (gerade wenn Yoko Ono singt, werden die Nerven mitunter ordentlich strapaziert) und es manchmal ein wenig viel wird mit dem Liebesrausch des Paares, so gelang es Lennon doch, Kunst mit Politik und Kommerz zu verknüpfen. Er war Kreativer, Revolutionär und Entertainer in einem. Und nur so konnte er zu einer jener Songwriter-Legenden werden, derer man sich an Gedenktagen wie dem 9.Oktober stets entsinnt. Derer man sich sogar entsinnen muss, weil sie sich vor allem durch eines auszeichnen: Zeitlosigkeit.

Was Lennon popmusikalisch komponierte, war schon zu Beatles-Zeiten grandios. Was er dann aber als Solo-Künstler auch inhaltlich schuf, das nahm schon vor einer Ewigkeit das vorweg, was heute Realität ist. Mehr kann ein Künstler nicht leisten.

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