In Deutschland werden Billy Talent immer noch für eine Eintagsfliege („Surrender“) gehalten. Dabei gibt es die Band schon seit 1993. Nun erscheint ihr drittes Album, kurz „III“.

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Billy Talent sind Jonathan Gallant, Aaron Solowoniuk, Benjamin Kowalewicz und Ian D’Sa.

Billy Talent sind Jonathan Gallant, Aaron Solowoniuk, Benjamin Kowalewicz und Ian D’Sa.

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Billy Talent sind Jonathan Gallant, Aaron Solowoniuk, Benjamin Kowalewicz und Ian D’Sa.

Düsseldorf. Lässig schiebt sich Benjamin Kowalewicz seine Sonnenbrille ins Haar. Er beugt sich nach vorne, näher an seinen Gesprächspartner. "Sagt unsere Plattenfirma wirklich, dass wir eine der größten Rockbands unserer Zeit sind? Wow! Was sagen die Deutschen sonst noch über uns?"

Kowalewiczs Augen blitzen vor Neugier, er möchte mehr hören. Der Sänger der kanadischen Band Billy Talent dreht den Spieß um - und interviewt die Journalistin. Der antwortet ehrlich - nämlich, dass viele Deutsche Billy Talent immer noch für eine Eintagsfliege des Punkrock halten und der Veröffentlichung des neuen Album mit dem Titel "III" eher skeptisch gegenüber stehen.

Der Sänger rollt genervt mit den Augen, lässt sie danach wieder hinter seiner dunklen Brille verschwinden. "Vergessen die Menschen eigentlich immer, wie lange es uns schon gibt?" Die Journalistin zuckt ratlos mit den Schultern.

Dann beginnt Kowalewicz zu erzählen, dass er zusammen mit Schlagzeuger Aaron Solowoniuk, Bassist Jonathan Gallant und Gitarrist Ian D’Sa schon über zehn Jahre lang gemeinsam Musik machte, bis den vier Highschool-Freunden das Debütalbum Billy Talent im Jahr 2003 endlich zum Durchbruch verhalf. Billy Talent, die bis 1999 noch unter dem Namen Pezz auf die Bühne gingen, spielten ihren verschachtelten Prog-Rock in jedem erdenklichen Club in der Nähe ihrer Heimatstadt Toronto - ohne nennenswerte Erfolge.

"Einmal schrieb ein Journalist sogar, ich würde mich anhören wie eine gequälte Katze." Mit seiner hohen Kreidestimme stieß der 32-Jährige auch nach der Abkehr vom Prog-Rock nicht selten auf Ablehnung. Ihr Ruf: Für Metaller zu poppig, für eine Rock-Band aber zu laut Umso erstaunlicher ist für ihn der plötzliche Erfolg.

Melodiöser, harmonischer und deutlich abgeklärter ist das neue Werk von Billy Talent ausgefallen. Benjamin Kowalewicz möchte nicht mehr als Schreihals dastehen: Er singt mehr, brüllt weniger. Das hat nicht etwa zur Folge, dass die Musik von Billy Talent weniger wütend wirkt - im Gegenteil: Die Wut wird greifbarerer, weil die Texte besser zu verstehen sind. Diese sind wie eh und je düster ausgefallen. Eigene und fremde Katastrophen standen Pate für das Album. Musikalisch geht es immer weiter weg aus der Punkrock-Ecke, hin zu Rock und Grunge. Eine Musikzeitschrift schrieb, dass Billy Talent den Hardrock der 70er Jahre für sich entdeckt hätten. "Sudden Movement" klingt zwar tatsächlich wie ein Stück von Black Sabbath, dennoch gibt es auch Anknüpfungspunkte an die frühen Werke der Red Hot Chili Peppers oder gar an The Police. Gitarrist Ian D’Sa ist ein großer Fan der Gruppe um Sänger Sting. Als er vom Comeback der Band erfuhr schrieb er "Diamond on a landmine", als Hommage an seine Lieblingsband.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir mal vor 50000 Menschen spielen würden." Billy Talent schienen auf einmal eine Lücke zu füllen, die seit Jahren zwischen einigen harten Musikstilen klaffte. Für Metaller waren sie zu poppig, für eine Rock-Band zu laut, für eine Hardcore-Band zu soft und für eine Screamo-Band zu komplex. Die Musiker von Billy Talent wissen, dass sie mit der Veröffentlichung ihrer neuen Platte tief fallen können.

Doch sie glauben nicht, dass ihr Stern schon an Leuchtkraft verliert. "III" sei schließlich keine Kopie ihrer ersten beiden Alben, sondern eine konsequente Weiterentwicklung. Ihr Sound habe sich verändert. Wieder einmal. Was bei anderen Bands nach abgedroschenen Interview-Phrasen klingt, trifft auf Billy Talent wirklich zu.

"II" war eine Platte mit vielen Extremen. Auf der einen Seite standen harte Nummern wie "Devil In A Midnight Mass" und auf der anderen Seite poppige Nummern wie "Surrender". "III" ist deutlich homogener, melodiöser und harmonischer geworden. Die Energie der Band schlägt sich diesmal mehr im Groove nieder und nicht im Tempo ihrer Stücke.

Ein Teil der Veränderung ist sicherlich Produzent Brendan O’Brien zu verdanken. Der Produzent fügte Keyboard- und Percussion-Linien hinzu. "Er hatte tolle Ideen und brachte die Songs in Form." Das Ergebnis: Eine Platte aus einem Guss. Dass Billy Talent ihr drittes Album schlicht "III" nennen würden, war im Vorfeld zu vermuten. Benjamin Kowalewicz erklärt, dass sie damit nicht nur die Album-Titel-Tradition von Led Zepplin wieder aufnehmen wollten.

"Ein Song-Titel schied für uns aus. Wir wollten nicht, dass die Menschen denken, dass wir einen Song zum Besten unserer Platte küren und der Rest nur Lückenfüller sind." Also haben sie ihrem Werk nur eine römische Ziffer verpasst. "Ich brauche Substanz, über die ich schreiben kann" Drei Jahre sind seit der letzten Veröffentlichung ins Land gegangen. Nicht nur, weil Billy Talent ständig auf Tour waren.

Sie brauchten die Zeit, um frische Ideen entwickeln zu können. "Ich muss etwas erleben, brauche Substanz, über die ich schließlich schreiben kann", sagt Kowalewicz. Er hofft, dass sich seine Band niemals dem Tempo der Musikindustrie anpassen muss.

"Da lautet der Grundsatz, dass du ein Leben lang Zeit hast, um dein Debüt zu schreiben, aber nur wenige Monate für die nächsten Platten." Erstmal machen sich die vier Highschool-Freunde jedoch keine Sorgen über das nächste Album. Vielmehr brennen sie darauf, die Songs von "III" endlich auch live spielen zu können.

Bei Rock am Ring/im Park und bei einer Überraschungsshow in Hamburg gab es für die deutschen Fans schon mal einen kleinen Vorgeschmack.

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