Helmut Josef Geier kennt niemand. Als DJ Hell ist der Bayer allerdings in Sachen Techno weltweit federführend – wie auch sein neues Album nachhaltig belegt.

Düsseldorf. Bescheidenheit ist seine Sache nicht. Warum auch? Mann des Jahres im "GQ"-Magazin, weltweit gefeierte Techno-Ikone, provokativer Botschafter neuen deutschen Liedguts und selbstständiger und unabhängiger Labelbetreiber mit dem markanten Namen "International Deejay Gigolo Records": DJ Hell lebt, wofür er steht.

Tag für Tag. Jetset, Partys, Frauen, Luxus. Und dafür erntet er, anstatt den blassen Neid der anderen zu spüren, Anerkennung, Lob und Respekt, von Fans wie Kollegen. DJ Hell ist ein Souverän der zeitgenössischen Musikszene und hat fast uneingeschränkte Narrenfreiheit.

Seine erste Single wurde zur inoffiziellen Club-Hymne 1992

Doch, wie hinter jeder von Erfolg gekrönten Karriere, steckt auch im Lebenslauf des DJ Hell knochenharte Arbeit. Begonnen hat alles vor einem Vierteljahrhundert. Nachdem sich der im ländlichen Südosten Bayerns aufgewachsene Helmut Geier als DJ verschiedenster Genres (unter anderem Hiphop, aber auch Wave) regional einen Namen gemacht hatte, zog es ihn nach und nach in Richtung härterer elektronischer Musik.

Techno und House waren Anfang der Neunziger bereit, die Welt zu erobern und DJ Hell wusste gekonnt, das für sich auszunutzen. Seine erste selbstproduzierte Single "My Definition Of House Music" erschien 1992 beim legendären Label "R&S Records", das unter anderem auch den Elektro-Avantgardisten Aphex Twin entdeckte. Der Track wurde zur inoffiziellen Club-Hymne des Jahres.

Diesem Einzug in die Szene folgte der Auszug aus dem Münchner Raum in die weite Welt. Erst nach Berlin, mit einem Engagement bei "Hardwax", einem der noch heute wichtigsten Plattengeschäfte der Szene. Daraufhin wählte Hell New York als seinen nächsten Wohnort und ließ sich vom dort aufkeimenden Techno inspirieren, um schließlich kurze Zeit später in die Heimat zurückzukehren und von dort aus die Szene weiter maßgeblich zu beeinflussen.

Deutlich hört man eine Rückbesinnung auf die frühen Tage deutscher Elektro-Musik heraus, zu deren Keimzellen Hell auch Düsseldorf zählt ("Electronic Germany"). Andererseits auch eine Entschlossenheit, der Gegenwart musikalisch wieder auf die Sprünge zu helfen. Illustre Gästen hat der Gigolo um sich geschart: Die Ergebnisse sind mal erfreulich gelungen wie bei der Kollaboration mit Roxy-Music-Sänger Bryan Ferry ("U Can Dance"), teilweise aber auch recht seicht, beispielsweise mit einem lieblos vorgetragenen Geschwafel von US-Rapper P. Diddy ("The DJ"). Dunkler und hypnotischer Techno findet sich auf "Teufelswerk" genauso wie zeitgemäßer und intelligenter Pop abseits von Schema F. Mit sperrigen Sieben- bis Zehn-Minütern ist es fast schon ein barockes Album. Vor Opulenz hat Hell auf jeden Fall keine Angst.

Mitte der 90er folgte dann, nach etlichen Singles und Remixen auf den renommiertesten Labels, 1994 sein Debüt, "Geteert und Gefedert", das größtenteils auf positive Resonanz traf. Deutschland hatte, genau zum richtigen Zeitpunkt, seinen internationalen Techno-Star und München seinen neuen "Sound Of Munich" wieder, den Synthesizer-Pionier Giorgio Moroder Mitte der Siebziger begründet hatte.

Nach dessen Funk-Projekt, bei dem die damals junge und wenig bekannte Donna Summer von Moroder die Texte auf den Leib geschneidert bekam, benannte DJ Hell folglich auch sein zweites Album von 1998: "Munich Machine".

Die Platte markiert den Stilwandel zu dem, was DJ Hell heute repräsentiert: den Gigolo-Lifestyle. Auf dem Frontcover umgarnt von schmachtenden Lustsklavinnen, auf der Rückseite als Rennfahrer im Stil der 70er abgebildet, als diese noch Playboys und weniger Maschinen waren, wie es heute der Fall ist. Mit dem "Copa" lieferte er einen House-Klassiker, der noch heute gern und zu Recht in den Clubs gespielt wird.

"Teufelswerk" klotzt mit sperrigem Techno und opulentem Pop

Für sein nächstes Album "N.Y. Muscle" ging DJ Hell 2003 wieder nach New York und arbeitete schon damals mit den heute gefragtesten Künstlern der Jetztzeit, unter anderem mit James Murphy (LCD Soundsystem) oder Erlend Øye, der zuletzt mit seiner Band The Whitest Boy Alive die Konzertsäle in Deutschland bis auf den letzten Quadratzentimeter füllte.

Seine eigenen Ideen durchzusetzen, seiner Zeit voraus zu sein und somit auch mal gegen den Strom zu schwimmen, dafür aber immer stilbildend zu sein, war schon immer das oberste Credo des Bajuwaren. Dazu gehört auch, dass DJ Hell mit seinen 46 Jahren im ewig jungen Techno-Zirkus eher eine Ausnahmeerscheinung ist.

Doch auf jedwede Trends blickt Helmut Geier ohnehin schon lange mit einem müden Lächeln herab. Seine Musik ist ewig gegenwärtig und zeitlos, wie auch seine neueste Veröffentlichung, das Doppelalbum "Teufelswerk", eindrucksvoll unter Beweis stellt. In eine Tages- und eine Nachtepisode hat er das Werk aufgeteilt.

Während der erste Teil für Hell, dessen Metier schon immer die Dunkelheit und der Dancefloor waren, ein Heimspiel ist, tummeln sich auf der Tag-Seite gänzlich andere Kaliber: Von Akustikgitarren und einer großen Portion Pop getragene Stücke verbreiten eine ungewöhnliche Stimmung und lassen den Hörer einen völlig neuen DJ Hell erleben. Alter schützt vor Wandel nicht.

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