Christoph Eschenbach (72) gastiert am Montag in Düsseldorf. Er gilt als Schlüsselfigur der Klassik-Szene.

Porträt
Christoph Eschenbach gastiert am Montag in Düsseldorf.

Christoph Eschenbach gastiert am Montag in Düsseldorf.

Tonhalle

Christoph Eschenbach gastiert am Montag in Düsseldorf.

Düsseldorf. Der Gentleman bittet zur Klassik. Wenn man Christoph Eschenbach, einen hellen Flanell-Mantel lässig über die Schultern gelegt, auf sich zukommen sieht, kann einen schon ein kleiner Anflug von „Tod in Venedig“ anwehen. Ein Herr alter Schule. Leicht boshaft die Mundwinkel gesenkt, dabei aufrecht wie eine Gouvernante in einer Sofaecke sitzend. Ein Dandy der Dirigentenzunft. Doch Christoph Eschenbach war nicht immer so.

„Ich habe einige Monate überhaupt nicht gesprochen, kein Wort. Weil diese Erfahrung dermaßen traumatisch war.“

Christoph Eschenbach, Dirigent, zu seiner Kindheit, in der er fast alle seine Verwandten verlor.

Als musikalischer Partner von Justus Frantz tourte er jahrelang durch die Lande. Als Pianist, wie er lächelnd zugibt, gehörte er zu den wenigen, die von Pianist Vladimir Horowitz bewundert wurden. „Ich habe ihm einmal einen ganzen Abend lang vorgespielt“, erzählt er. „In New York in seiner Privatwohnung. Als ich ankam, sah ich als Erstes den großen, roten Clown von Picasso und eine Derby-Szene von Degas an der Wand. Auf dem Tisch: Bücher über Schumann. Horowitz las auf Deutsch.”

Lange vor seiner Musikkarriere beginnt allerdings die Geschichte Eschenbachs: In einem Flüchtlingslager. Zwei Mal geflohen, erst aus Schlesien, dann noch einmal nach Mecklenburg, war er der einzige Überlebende einer Typhusepidemie, an welcher auch seine Großmutter starb. „Meine Großmutter hatte noch kurz vor ihrem Tode eine Postkarte geschrieben an eine Cousine meiner verstorbenen Mutter. Sie kam aber erst nach sechs Wochen an, während einer nach dem anderen starb. Ich war der letzte, und längst auch erkrankt.” Er war damals fünf Jahre alt. „Ich habe einige Monate überhaupt nicht gesprochen, kein Wort. Weil diese Erfahrung dermaßen traumatisch war“, so Eschenbach, der normalerweise auch hierüber nicht spricht.

Durch seine Tante fand er zur Musik. „Sie unterrichtete Klavier. Und ich hörte sie abends, wenn sie für sich spielte. Ich hörte, hörte, hörte”, sagt Eschenbach. Er nahm schließlich auch den Namen dieser Tante an. Sein (unehelicher) Vater war der Breslauer Musikwissenschaftler Heribert Ringmann. Er starb im Krieg als Nazi-Gegner in einem Strafbatallion. Dass sich seine Geschichte in der Musik niedergeschlagen hat, glaubt Eschenbach nicht. „Aber es ist ein Thema, das Sie nicht wieder loswerden. Ein Leben lang”, meint er.

Lange Zeit war er der Mentor des berühmten Pianisten Lang Lang

Der heute 72-Jährige gehört zu den wenigen Instrumentalisten, dem später ein Sprung aufs Dirigentenpult bruchlos gelang. Überleben lernen, so scheint es, heißt unabhängig werden. Als Solist bei Herbert von Karajan und als Lehrling von George Szell lernte er das nötige handwerkliche Rüstzeug. In Ludwigshafen, Zürich und schließlich beim Houston Symphony Orchestra startete er ab 1979 eine glanzvolle, zweite Karriere. Und leitete in seiner Funktion als „Musical director” des Philadelphia Orchestra seit 2003 eines der besten Orchester der Welt.

Mit seinem National Symphony Orchestra (NSO) Washington und der kurzfristig eingesprungenen Geigerin Arabella Steinbacher gastiert Eschenbach am Montag, 4. Februar, 20 Uhr, in der Tonhalle. Auf dem Programm stehen Mozarts Violinkonzert A-Dur KV 219, die Zweite Symphonie von Brahms und Beethovens Große Fuge B-Dur. Karten gibt es unter Telefon 0211/899 61 23 oder im Internet:

www.tonhalle.de

Auch als Mentor des berühmten chinesischen Pianisten Lang Lang, ebenso als Liedbegleiter von Dietrich Fischer-Dieskau und Matthias Goerne kann er heute als eine der Schlüsselfiguren der Klassik-Szene gelten. Ein Höhepunkt seines Schallplattenerbes sind Strauss’ „Vier letzte Lieder“ mit der von ihm entdeckten Renée Fleming. Populär wurde er auch als Klavierpartner von Altkanzler Helmut Schmidt.

Das National Symphony Orchestra in Washington D.C., mit dem Eschenbach erstmals durch Europa (siehe Kasten) tourt, übernahm er als Chef von Iván Fischer und Mstislav Rostropowitsch. Mit der 2. Symphonie von Johannes Brahms und Mozarts Violinkonzert in A-Dur widmet man sich klassischer Kost.

Eschenbach war auch als Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker im Gespräch. Das hat er allerdings aufgrund seines vollen Terminkalenders vorerst abgelehnt.

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