Ben Bridwell und sein Projekt Band of Horses veröffentlichen ihr drittes Album beim Branchenriesen Sony. Es ist ein Meisterwerk.

Düsseldorf. Wenn eine kleine Rockband zu einem Majorlabel wechselt, muss das noch lange nicht den Durchbruch bedeuten. Kann es aber. Gute Beispiele dafür sind Coldplay oder die Kings of Leon.

Im Falle von Band of Horses gestaltet sich die Vorhersage eher schwierig: Für sein drittes Album hat das amerikanische Quintett rund um den Sänger, Songschreiber und Gitarristen Ben Bridwell das Indie-Label Sub Pop hinter sich gelassen, um beim Branchen-Riesen Sony Music anzuheuern.

Zumindest der natürliche Charme, die packenden Melodien und der emotionale Abwechslungsreichtum von "Infinite Arms" sprechen schon mal klare Worte: Dass Bridwell und Co. so weit gekommen sind, ist kein Zufall.

Und nun soll’s erst richtig losgehen. Sechs Jahre nach Gründung der Ur-Formation bestätigt Bridwell, dass die Band jetzt als Einheit gefestigt ist: "In vielerlei Hinsicht ist es das erste Album von Band of Horses." Was den künstlerischen Wert und die Qualität der Vorgänger nicht schmälern soll. Auch sie waren das Produkt einer Wandlung, die nach dem Zusammenbruch der melancholischen Indie-Rockband Carissa’s Wierd stattfand, in der Bridwell zuvor am Schlagzeug saß.

Damals wohnte der aus South Carolina stammende Künstler noch in Seattle und lebte perspektivlos in den Tag hinein. Trotz des Misserfolgs setzte er voll auf die Musik. Bis endlich der Wendepunkt kam. Statt unbeholfen die Felle zu trommeln, komponierte Bridwell eigene Songs und stellte sich selbst hinters Mikro. Geprägt von Extremen entwickelte er seinen eigenen Stil aus Licht und Schatten, Melancholie und Fröhlichkeit. Damit stellte er die Band auf den Kopf.

Sub Pop hat sie groß gemacht, Sony macht sie größer: Die US-Rocker Band of Horses liefern mit "Infinite Arms" ihr bisheriges Meisterwerk ab. Songs wie "Factory", dessen romantische Melodie den einprägsamsten Streicherpart seit "Bittersweet Symphony" von The Verve vorzuweisen hat, schmeicheln sich unweigerlich in Herz und Ohr.

Auch wenn sonst solch massiv theatralische oder überschwänglich pathetische Nummern wie "The Funeral" vom Debüt "Everything All The Time" (2006) und "Is There A Ghost" von "Cease To Begin" (2007) nicht so schnell herauszuhören sind: Hits wie die gut gelaunte Single "Compliments", das träumerische "Way Back Home", das freundlich beschwingte "Dilly" oder das Abschlussdrama "Bartles + James" haben mit countryesker Grundstimmung, tollen Melodien und mehrstimmigem Gesang das Zeug zu Klassikern im Genre ehrlicher Rockmusik.

Gemeinsam mit einigen Mitspielern von Carissa’s Wierd entstand 2004 die neue Formation Band of Horses. Von da an ging alles ganz schnell. Nach einigen Gigs als Vorgruppe von Iron & Wine wurde Sub Pop aufmerksam. Das in Seattle ansässige Label, das Ende der 80er mit den Grunge-Bands Nirvana, Mudhoney und Soundgarden weltberühmt wurde und zuletzt den Shins und den Fleet Foxes zu Erfolgen verhalf, nahm Bridwell und seine Band unter Vertrag, produzierte deren Debüt "Everything All The Time" und freute sich mit ihnen über erstaunliche 100.000 verkaufte Einheiten.

Den Erfolg verdankt die Platte vor allem der sagenhaft unnahbaren Single "The Funeral", eine euphorische Ballade, die nicht zuletzt wegen Bridwells klarem, androgynem Gesang an Bands wie Yes erinnert.

Der Nachfolger "Cease To Begin" mit der vielleicht besten Nummer der Band of Horses, "Is There A Ghost", wurde schon in anderer Besetzung aufgenommen. Bridwell war endgültig zu Kopf, Herz und Aushängeschild der Band geworden.

Zurück in seiner Heimat South Carolina kam schließlich der Ritterschlag: Sony nahm den kauzigen Barden unter Vertrag, gleichzeitig legte man sich endlich auf eine Stammbesetzung fest, zu der neben Creighton Barrett (Drums) und Ryan Monroe (Keyboards) auch Tyler Ramsey (Gitarre) und Bill Reynolds (Bass) gehören, die vorher schon als Bühnenmusiker bei Touren fungiert haben.

Doch trotz der zahlreichen Veränderungen, die die relativ junge Band überstanden hat, klingt "Infinite Arms" nicht sonderlich anders: Immer noch überwiegt die einzigartige Balance aus ruhigem Americana-Rock und Indiepop, die Melancholie wie auch Hoffnung in sich trägt. Die zeitlosen Melodien des Werks haken sich allerdings mit so viel Eigencharakter im Gehörgang ein, dass dieser Wurf weit über die Grenzen der Independent-Musik hinausreicht.

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