Kaum hat das Jahr begonnen, bietet der Pop schon einen ersten Höhepunkt. Auf „The Crying Light“ wandelt Antony Hegarty samt Johnsons in traurigschönen Feenwäldern.

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Singt vom Drang nach Zuneigung und dem Wunsch, ein anderer zu sein: Antony Hegarty.

Singt vom Drang nach Zuneigung und dem Wunsch, ein anderer zu sein: Antony Hegarty.

Anthony Hegarty - Bizarres Feenwesen mit sagenhafter Stimme.

Leah Nash, Bild 1 von 2

Singt vom Drang nach Zuneigung und dem Wunsch, ein anderer zu sein: Antony Hegarty.

Düsseldorf. Das größte Kompliment, das Antony Hegarty jemals erhalten hat, ist mittlerweile legendär. Laurie Anderson, eine der wenigen wahren Konzeptkünstlerinnen, die der Pop jemals hervorgebracht hat, sagte Mitte der 90er, als sie das bizarre Feenwesen erstmals auf der Bühne sah: "Es war, als ob ich das erste Mal Elvis gehört hätte."

Besser lässt sich das Phänomen Hegarty nicht analysieren. Es sind nicht seine Songs, seine kammermusikalischen Arrangements oder die entrückten Performances, die ihn auszeichnen. Und das, obwohl sie allesamt herausragend sind.

Nein, sein Alleinstellungsmerkmal ist seine Stimme, ein ebenso wuchtiges wie zerbrechliches Falsett, das sich, sobald es den Ohrinnenraum erreicht, plüschig und raumfüllend festfläzt.

Dieser Sog, den Hegarty mit seinem dramatisch überhöhten Kantatengesang auszulösen vermag, birgt die widersprüchlichsten Gefühle, lässt den Hörer parallel schwelgen und bangen. Er singt vom Drang nach Zuneigung, dem Wunsch, ein anderer zu sein, was oftmals als Chiffre für die Ängste und Enttäuschungen dient, die er als sensibler Heranwachsender, geplagt vom bevorstehenden Coming Out, zu durchleben hatte.

Geboren 1971 in London, wächst er im vordergründigen Kalifornien auf und hört, anders als seine geerdeten Klassenkameraden, die sehnsuchtsvollen Wave-Statements der Cocteau Twins, badet im Selbstmitleid von Bronski Beat und der kraftvollen Melancholie von Marc Almond. Im New Yorker East Village und der dort ansässigen Schwulengemeinde muss er seinen Musikgeschmack ab 1990 nicht mehr verstecken.

Man könnte, wenn man ketzerisch sein will, Antony Hegartys Songs als regelrecht gefährlich bezeichnen. Vordergründig lullen sie den Hörer ein mit wunderbar schlingerndem Wohlklang, penibel durchdacht und instrumental exakt zugeschnitten. Doch unter dieser Oberfläche brodeln Todessehnsucht und manische Depression, wenn er beispielsweise davon singt, dass sich seine sterblichen Überreste allmählich auflösen ("Kiss My Name"). Trotz aller morbiden Widersprüchlichkeit, gibt es momentan kaum einen Musiker, der den Hörer dermaßen ursprünglich für sich einzunehmen vermag. Es sind Songs, tief aus der Seele heraus.

Es wäre ihm auch nicht gelungen, so er denn an der Westküste geblieben wäre. Die Aura eines gefallenen Paradiesvogels umwehte in bereits zu Jugendzeiten. In seiner neuen Wahlheimat drängte es ihn denn auch schnell zur Bühne, sein außergewöhnliches Organ war binnen kürzester Zeit Gesprächsthema in der Nachtszene des Big Apple.

Nicht nur Laurie Anderson nahm sich seiner als Mentorin an, auch Lou Reed beschleunigte seinen Aufstieg, indem er ihn mit auf Tour nahm. Mit seiner entrückten Selbstvergessenheit schlug er die Menschen in seinen Bann. 1998 folgte dann das erste Album, für das er die Johnsons erfand, was nichts weiter als eine Sammelbezeichnung für seine Begleitmusiker war.

Der Durchbruch, raus aus der bisweilen selbstgefälligen Subkultur, gelang ihm aber erst 2005. "I Am a Bird Now" hieß damals sein zweiter Longplayer, dessen wunderbar zurückgenommen instrumentierte Folkballaden nur das Beiprogramm für die zur Perfektion gereifte Stimme waren.

Es ist ein Spaziergang durch einen düster verwitterten Feenwald, ähnlich den frühen Werken von Kate Bush. Nicht umsonst bat Discjockey Andy Butler ausgerechnet Hegarty das Aushängeschild seines Projektes Hercules & Love Affair zu werden, das im vergangenen Jahr mit dem treibenden Dance-Floor-Heuler "Blind" allgegenwärtig war.

Mal vom Blues, dann wieder vom Soul, meistens aber von den Countertenor-Gesängen eines Klaus Nomi beeinflusst, schwebt sein Organ über den Songs wie ein magisches Bindeglied, das Klavier, Streicher und Klassikgitarre, dann aber eben auch Roland-Orgeln und Elektrobeats passgenau zusammenführt.

Auch Hegartys neue Platte, jetzt wieder als Antony & the Johnsons, ist ein Trip in die Unwirklichkeit. Ein kleines bisschen hört man "The Crying Light" den Ehrgeiz an, noch anspruchsvoller klingen zu wollen, die Melodien sind ziselierter, brechen in unterschiedliche Richtungen aus, kehren aber stets in den Schoß der Komposition zurück.

30 Songs soll Hegarty in den vergangenen vier Jahren geschrieben, 20 von ihnen dann wieder verworfen haben. Die zehn verbleibenden tänzeln in sphärische Höhen - dort, wo der Absturz droht, der niemals kommt, weil die Reinheit sie oben hält. Strahlend, leuchtend, undurchdringbar. Und einfach schön.

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