Justin Vernon
Justin Vernon

Justin Vernon

D.L. Anderson

Justin Vernon

Köln. Über allem steht die Sehnsucht. Gleich der erste Ton bannt am Sonntag die rund 2500 Zuhörer im Kölner E-Werk. „I’m tearing up across your face“, singt Justin Vernon, Frontmann der Band Bon Iver, und spielt ein verträumtes Gitarrenriff. Posaune, Saxophon und Horn setzen ein. Eine Geige will den Titel „Perth“ Richtung Himmel heben – bis ein Trommelhagel das Stück niederknüppelt. Noch nie war Lärm so schön.

Von der Blockhütte auf die großen Bühnen

Bon Iver haben die Wildnis und die vereinsamte Blockhütte in Wisconsin längst hinter sich gelassen, in der Bartträger Vernon das 2008 erschiene Debüt „For Emma Forever Ago“ aufnahm. Der 30-jährige Multi-Instrumentalist spielt längst nicht mehr barfuß in Kneipen. Und mit dem opulenteren Klang des Zweitlings, der den Namen der Gruppe trägt, wurde nicht nur die Bühne größer, sondern auch die Band. Acht statt drei Musiker folgen jetzt Vernons ergreifendem Gitarrenspiel und Falsett-Gesang. Die Stücke, deren Masse erst live so richtig greifbar erscheint, fließen meist ineinander. So eröffnet Bass-Saxophonist Colin Stetson das auf Platte eher zurückhaltende „Blood Bank“ mit einem unglaublichen zweiminütigen Solo.

Auch wenn Vernon in „Flume“ singt „I am my mother’s only one. It’s enough“ – mit wenig gibt er sich nicht zufrieden. Schmerzverzerrt ist sein Gesicht, wenn seine Stimme wie in „Holocene“ den Kampf gegen den musikalischen Bombast aufnimmt – bis zum Bruch.

Schwer zu entschlüsselnde Texte – aber jeder singt mit

Immer wieder reduzieren Bon Iver ihre Stücke auf Geige und Bläser, die sich zu verlieren drohen. Es sind die perfekten Momente für Vernons Organ und seine kryptischen Texte, die im Ganzen nur schwer zu entschlüsseln sind, aber trotzdem mitgesungen werden. „What might have been lost“ schallt es bei „The Wolves (Act I and II)“ durch die Halle, während Bon Iver sich ein letztes Mal völlig verausgaben.

Bon Iver sind groß. In die Wildnis lässt sie nun niemand mehr ziehen.

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