Die Nofretete wurde vor 100 Jahren in Ägypten ausgegraben, fast genauso lange streiten sich Kairo und Berlin um die Büste.

Die Nofretete
Die Nofretete

Die Nofretete

A3464 Rainer Jensen

Die Nofretete

Berlin. Mehr als 3000 Jahre lag sie im ägyptischen Wüstensand, niemand wusste von ihrer Existenz. Doch als der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt vor hundert Jahren die Büste der Nofretete in Amarna entdeckte, ahnte er gleich, dass er auf Großes gestoßen war. „Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen“, notiert er am 6. Dezember 1912 nachts in sein Grabungstagebuch.

„Nofretete war Prophetin, Geliebte und gottgleiche Mitherrscherin“

Mittlerweile lockt die Pharaonengattin mehr als eine Million Besucher jährlich ins Neue Museum in Berlin. Mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und dem entrückten Lächeln gilt sie als wohl schönste Frauenskulptur der Welt.

Neuere Studien belegen, dass sie im Reich ihres Gatten Echnaton um 1340 v. Chr. eine ungewöhnliche Machtstellung hatte und ihr Ehrgeiz, Macht und Staatsräson keineswegs fremd waren. „Nofretete war nicht nur die schöne Frau an Echnatons Seite. Sie war Prophetin, Geliebte und gottgleiche Mitherrscherin“, sagt der Heidelberger Kunsthistoriker Franz Maciejewski.

Die Büste wurde auf halber Strecke zwischen Luxor und Kairo gefunden

Der Fund ihrer Büste vor hundert Jahren gilt bis heute als Sternstunde der Archäologie. Der Altertumsforscher Borchardt leitete damals im Auftrag der deutschen Orient-Gesellschaft die Ausgrabungen in Amarna, den Ruinen der altägyptischen Königsstadt Achet-Aton etwa auf halber Strecke zwischen Luxor und Kairo. Echnaton hatte seinen Herrschersitz hierher verlegt, um dem Sonnengott Aton zu huldigen.

Im Südteil der Stadt stießen die deutschen Forscher mit ihren rund 200 Helfern auf die ungewöhnlich gut erhaltene Werkstatt des Oberbildhauers Thutmosis mit mehr als 50 Kunstwerken in verschiedenen Herstellungsstadien.

Nofretete lebte im 14. Jahrhundert vor Christus. Der Name bedeutet „die Schöne ist gekommen“. Sie war die Tochter von König Aja und seiner Frau Teje. Mit etwa 16 Jahren heiratete sie Amenophis IV., der sich später Echnaton nannte.

Das Paar bekam sechs Töchter. Ob Nofretete auch die Mutter des Pharaos Tutanchamun war, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Sie wurde in zahlreichen Abbildungen ranggleich mit dem König gleichgestellt. Nach Ansicht des Ägyptologen Hermann A. Schlegel hat im Pharaonenreich „keine Frau vor ihr und keine nach ihr eine solche Macht gehabt“.

Das Ägyptische Museum und die Papyrussammlung Berlin präsentieren zum 100. Jahrestag der Ausgrabung die Ausstellung „Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete“. Die Schau, in der das Grabungs-Tagebuch und Hunderte bisher nie gezeigter Fundstücke von 1912 gezeigt werden, ist vom 7. Dezember 2012 bis zum 13. April 2013 im Neuen Museum auf der Museumsinsel zu sehen.

Der Kopf der Nofretete, 47 Zentimeter hoch, aus Kalkstein und mit mehreren Lagen Gips modelliert, zeichnete sich dadurch aus, dass er im Gegensatz zu dem meisten anderen Stücken reich bemalt ist. „Farben wie eben aufgelegt“, notiert Borchardt an jenem Nikolaustag. „Nur die Ohren etwas von der rechten Seite der Perücke bestoßen.“

Der wertvolle Fund wurde schnell zum Zankapfel

Insgesamt wurden in Amarna mehr als 10 000 Fundstücke geborgen. Wie damals üblich teilten Deutsche und Ägypter den Fund je zur Hälfte, Nofretete kam nach Berlin. Und obwohl vom 20. Januar 1913 ein exaktes Teilungsprotokoll vorliegt, wurde die schöne Königin bald zum Zankapfel. Bereits bei der ersten öffentlichen Präsentation 1924 in Berlin forderte Kairo das wertvolle Stück zurück.

Später machte der inzwischen abgelöste Antikenminister Zahi Hawass, wegen seines Schlapphuts Indiana Jones genannt, die Rückführung der Büste zu seiner Lebensaufgabe.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwahrte sich aber mit Hinweis auf die Rechtslage gegen alle Forderungen. „Die Nofretete ist und bleibt die beste Botschafterin Ägyptens in Berlin“, so das Credo von Stiftungspräsident Hermann Parzinger.

Seit 2009 residiert die 3400 Jahre alte Dame im nördlichen Kuppelsaal des von David Chipperfield sanierten Neuen Museums. Hinter schusssicherem Glas schaut sie den Betrachter aus ihren beiden unterschiedlichen Augen an.

Zur Eröffnung der Sonderausstellung hat sich trotz der Umbruchsituation in Kairo der neue Antikenminister Mohamed Ibrahim Ali angesagt. Und vielleicht wird es so aussehen, als spitze Nofretete die Ohren, was er zu ihrer Zukunft zu sagen hat.

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