Gregor Schneider
Von der Außenwelt abgeschnitten: Gregor Schneider in seinem Raum «Guantánamo». Foto: Rolf Vennenbernd

Von der Außenwelt abgeschnitten: Gregor Schneider in seinem Raum «Guantánamo». Foto: Rolf Vennenbernd

Steriler Raum: Gregor Schneiders «Liebeslaube». Foto: Rolf Vennenbernd

Der umstrittene «Sterberaum» von Gregor Schneider. Foto: Rolf Vennenbernd

Gregor Schneider in seinem Raum «Haustür Haus u r». Foto: Rolf Vennenbernd

dpa, Bild 1 von 4

Von der Außenwelt abgeschnitten: Gregor Schneider in seinem Raum «Guantánamo». Foto: Rolf Vennenbernd

Bonn (dpa) - Wer in Gregor Schneiders «Liebeslaube» will, muss durch einen niedrigen Gang um die Ecke kriechen. Man rappelt sich wieder hoch und steht in einer schmalen steril-weißen Kammer mit schmalem Bett links, Badewanne rechts und eingebauter Kochnische. Die Fenster sind verklebt.

Wer Schneiders verstörende Raumkonstruktionen betritt, braucht ein gutes Nervenkostüm - und darf keine Platzangst haben. In der Bundeskunsthalle Bonn hat der 47-jährige Kunstprofessor aus Mönchengladbach-Rheydt jetzt einen unheimlichen Parcours seiner wichtigsten Werke aufgebaut.

Der Gewinner des Goldenen Löwen der Kunstbiennale Venedig 2001 zeigt in der Schau «Wand vor Wand» (bis 19. Februar) erstmals sein Gesamtwerk in einem Zusammenhang - bis zurück zu Porträt- und Aktmalereien, die er als 14-Jähriger anfertigte.

Doch es geht seit vielen Jahren in Schneiders Werk um Räume. Da ist der «Guantánamo-Raum», ein strahlend weiß gestrichener Korridor mit roten Türattrappen - von der Außenwelt abgeschnitten wie auch die feucht-warme fensterlose Kammer und der eisigkalte Raum. Nur schnell raus - aber es ist dunkel, der Besucher muss sich vortasten, gelangt in schäbige Wohn- und Schlafräume mit billiger Raufaser, in eine grau verputzte Garage, in einen muffig riechenden Kellerraum mit Öltank und in eine «Wunderkammer» voller staubiger und rostiger Hinterlassenschaften.

Draußen steht man vor einer Bodeninstallation aus kopflosen Kinderpuppen, deren Oberkörper mit blauen Abfallsäcken bedeckt sind. Durch ein Abflussrohr von 1,60 Meter Durchmesser muss man steigen, um ein fensterloses Kinderzimmer mit rosa Matratze zu betreten. Man denkt an Josef Fritzl, an Verliese und Gewalt.

«Ich habe über 200 Räume, ein großes Raumarchiv», sagt Schneider. «Ich bin der, der tatsächlich einen Raum als einen gebauten Raum definiert - Wände, Boden, Decke.» Das hört sich natürlich einfacher an, als es ist. Denn Schneider schneidet Zimmer aus Häusern heraus, baut sie woanders wieder ein. Oder er baut Kopien von Räumen in Originalräume. Aus dem Heim macht er das Unheimliche. «Die Kernfrage ist: Sind Zimmer Zellen?», sagt Schneider. «Und was machen diese Zimmer mit uns?»

Schneider bewegt das, was normalerweise als «Immobilie» gilt - Häuser, Zimmerdecken und sogar Straßen. Im indischen Kalkutta etwa baute er die Straße vor der Haustür seines Rheydter Hauses nach - aber um 90 Grad gedreht: Die perfekte Straßenkopie ragte 30 Meter steil in den Himmel hoch. Am Ende der Aktion wurde der Straßenschutt samt bunter Göttinnenfiguren in den Ganges gekippt. Schneider zog sie wieder heraus und transportierte die schlammig-braunen Reste nach Deutschland.