In der Bibliothek des Görres-Gymnasiums Düsseldorf ruhte die Dissertation des Dichters. Jetzt wurde sie herausgegeben.

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Knapp 250 Jahre alt: Goethes Abschlussarbeit.

Knapp 250 Jahre alt: Goethes Abschlussarbeit.

Knapp 250 Jahre alt: Goethes Abschlussarbeit.

Bernd Schalla, Bild 1 von 3

Knapp 250 Jahre alt: Goethes Abschlussarbeit.

Düsseldorf. Durch Berge von staubigen Programm-Heftchen mit Lehrplänen von Schulen aus ganz Preußen hat sich Siegfried Rosezin gekämpft. Dabei wusste er nicht, das er einem äußerst raren Werk auf der Spur war: Der Abschlussarbeit des Jura-Studenten Johann Wolfgang Goethe.

Nach seiner Pensionierung durchforstete der ehemalige Schulleiter Rosezin die historische Bibliothek des Düsseldorfer Görres-Gymnasiums. Und stieß plötzlich auf ein Dokument, das ihm seltsam vorkam. Das Format - etwas kleiner als DIN A4 - stimmte, aber der Einband war anders. Er hielt ein Original von Goethes "Positiones Juris" in der Hand. Das war in den 70er-Jahren. 30 Jahre schlummerte das Dokument im Safe. Jetzt hat die Schule es als Faksimile mit einem Vorwort der Bibliotheks-Leiterin Berthe-Odile Simon-Schaefer herausgegeben.

Goethe verhandelt Themen wie Folter und Todesstrafe

"Es ist ein Glück, dass dieses Kleinod getarnt unter dem staubigen Stapel lag, sonst wäre es längst einem Antiquitätenjäger zum Opfer gefallen", sagt Simon-Schaefer. Ein Einband in bibliotheksgrün, 12 Seiten mit 56 Thesen auf Latein, die auch nach knapp 250 Jahren noch gut lesbar sind: Das sind Goethes "Positiones Juris". Er verfasste sie zum Abschluss seines Jura-Studiums in Straßburg 1771.

"Der junge Goethe verhandelt dort hochaktuelle Themen wie etwa, ob Folter zulässig ist, um Geständnisse zu erpressen", sagt Simon-Schaefer. Sie sieht in den Thesen "eine Tendenz zur Aufklärung". Goethe diskutiert zudem, ob die Todesstrafe für Kindsmörderinnen abgeschafft werden soll. Anlässlich der Alternativen - lebenslange Geißelung am Tag der Tat - entscheidet er sich jedoch am Ende für die Todesstrafe.
 
In seiner Abschlussarbeit zeichnet Goethe somit ein Motiv vor, das er später auch in seinem künstlerischen Werk verarbeitet: Im "Faust" schildert er das Schicksal der Kindsmörderin Gretchen, ohne sie moralisch zu verurteilen. "Aus heutiger Sicht ist Goethe in seiner Dichtung schon weiter als in seiner wissenschaftlichen Arbeit", sagt Volkmar Hansen vom Düsseldorfer Goethe-Museum.

Allerdings musste Goethe seine juristischen Thesen entschärfen: In der ursprünglichen Doktorarbeit forderte er, die Macht kirchlicher Rechtsprechung einzuschränken. Die theologische Fakultät, die damals die Oberaufsicht hatte, protestierte. So wurde die vorliegende Lizenziatenarbeit daraus, die Goethe vor der Fakultät verteidigen musste. "Mit großer Lustigkeit, ja Leichtfertigkeit", wie er in "Dichtung und Wahrheit" schreibt.

Von Goethes Abschlussarbeit ist nur ein weiteres Original bekannt, das in der Münchener Uni-Bibliothek liegt. Laut Hansen macht die Wiederentdeckung der Düsseldorfer Version darauf aufmerksam, welche enormen Auswirkungen Goethes juristische Ausbildung für sein Leben hatte: "Im Götz von Berlichingen, der zwei Jahre nach den "Positiones Juris" erschien, geht es etwa um die Ablösung des Fehderechts durch ein neues Rechtssystem", sagt der Direktor des Goethe-Museums. Auch habe Goethe mit seiner Arbeit den Grundstein für seine politische Laufbahn in Weimar gelegt.

Das Düsseldorfer Görres-Gymnasium war bis zur Gründung der heutigen Heinrich-Heine-Universität 1965 eine Art Ersatzuniversität und beherbergte unter anderem auch die juristische Fakultät. So könnte Goethes Abschlussarbeit in die Schulbibliothek gelangt sein. Die Leiterin Simon-Schaefer kündigt an, man wolle nun nach und nach weitere Schätze aus der historischen Bibliothek herausgeben. Darunter sind etwa ein Originalvertrag zwischen Maria Theresa und Friedrich dem Großen und Weltkarten aus dem 15. Jahrhundert.
 
 

Goethes "Positiones"

Düsseldorfer Faksimile Noch ist nicht entschieden, ob der von einem Sponsor in kleiner Auflage ermöglichte Nachdruck von Goethes "Positiones Juris" künftig auch im Handel angeboten wird. Bis dahin können Interessierte einen Blick auf das Exemplar in der Bibliothek des Görres-Gymnasiums werfen. Kontakt: Tel. 0211/899 84 00.

Goethe-Museum Informationen über Goethes 50 Thesen gibt es auch im Düsseldorfer Goethe-Museum im Schloß Jägerhof.

www.goethe-museum.com

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