Wachsen uns die von uns geschaffenen Diener über den Kopf, werden sie uns beherrschen? Oder mehren sie unseren Wohlstand? Eine Kommission sucht nach Antworten.

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Fußball spielen und geigen können sie schon. Doch wie berechenbar sind die Schöpfungen des Menschen, wenn sie ihn überflügeln?

Fußball spielen und geigen können sie schon. Doch wie berechenbar sind die Schöpfungen des Menschen, wenn sie ihn überflügeln?

Fotos: dpa

Fußball spielen und geigen können sie schon. Doch wie berechenbar sind die Schöpfungen des Menschen, wenn sie ihn überflügeln?

Düsseldorf. Was passiert, wenn die Menschen Maschinen konstruieren, die intelligenter sind als sie selbst? Das kann böse für uns ausgehen, warnt Frank Schätzing in seinem Bestseller „Die Tyrannei des Schmetterlings“. Der amerikanische Physikprofesser Max Tegmark dagegen betont in seinem Sachbuch „Leben 3.0: Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ neben allen bestehenden Risiken vor allem die Chance, die die Künstliche Intelligenz (KI) bietet. Jedenfalls dann, wenn der Mensch sie einzuhegen und für sich zu nutzen versteht.

Aber wie kann das gelingen, was muss alles beachtet werden? Der Bundestag will diese Frage nicht Autoren oder Talkshows überlassen, sondern eingehend selbst beleuchten. Am Donnerstag setzte das Parlament eine Enquetekommission mit dem sperrigen Titel „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ ein. Ein Gremium aus 19 Abgeordneten der im Bundestag vertretenen Parteien und ebenso vielen Sachverständigen.

Die Maschinen werden immer lernfähiger

Dabei sind sich die Politiker selbst des gewaltigen Auftrags bewusst, den sie abzuarbeiten haben und der schließlich in Handlungsempfehlungen an den Gesetzgeber münden soll. Es geht um viel mehr als das, was uns ohnehin schon in unserem Alltag begleitet: Internet-Suchmaschinen, Steuerungen für das Smart Home oder sprachgesteuerte digitale Assistenten. So heißt es im Einsetzungsauftrag für die Kommission durchaus ehrfürchtig: „KI stellt einen umfassenden Paradigmenwechsel dar – mit dem Sprung von der rechnenden zur kognitiven Informatik: Anders als bisherige programmierte Abläufe sind KI, kognitive Systeme und Maschinen mehr und mehr lernfähig und zunehmend in der Lage, Erlerntes auf neue Situationen zu übertragen.“ Damit verbunden seien bisher unbekannte Fragestellungen, die auf Grundlage unseres Wertesystems sowie der Grund- und Menschenrechte beantwortet werden müssten.

Und doch geht es nach der Formulierung des Einsetzungsauftrags für die Kommission vor allem um Chancen in Wirtschaft und Wettbewerb, die da ausgelotet werden sollen. So wird betont, dass KI ein Treiber für Innovationen beispielsweise in den Bereichen Mobilität, Sicherheit und Gesundheit ist. Der Einsatz von KI werde zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor von Unternehmen im deutschen, europäischen und globalen Kontext. Deutschland wolle im internationalen Vergleich Innovationsführer werden. Deshalb müssten vorhandene Kompetenzen gestärkt und weiter ausgebaut werden.

Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied im Deutschen Ethikrat

Während die Politiker den selbstgesetzten Arbeitsauftrag also eher positiv formulieren, sieht Wolfram Henn, Professor am Institut für Humangenetik der Universität Homburg an der Saar, die Sache ganz und gar nicht so optimistisch. Henn, Mitglied im Deutschen Ethikrat, schrieb kürzlich in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: Wenn die Menschen auf den Mechanismus einer autonomen, von äußerer Steuerung unabhängigen Weiterentwicklung setzten, auf selbst-lernende Systeme also, so sei damit die naive Erwartung verbunden, dass diese autonomen Prozesse irgendwie schon zum Stillstand kommen werden, bevor sie für uns selbst als ursprüngliche Konstrukteure unangenehm oder gefährlich werden könnten. Eine solche „gnädige Selbstlimitierung“, so Henn, sei in der biologischen und zivilisatorischen Evolution allerdings noch nie vorgekommen. Und er warnt: „Sobald wir nur noch die Zweitklügsten auf der Erde sein werden, wird es uns wohl an den Kragen gehen. Deshalb haben wir keinen Grund, unser evolutionäres Alleinstellungsmerkmal aufs Spiel zu setzen.“

Das französische Wort „enquête“ bedeutet Untersuchung. Enquetekommissionen sind vom Parlament eingesetzte Arbeitsgruppen, die langfristig relevante Fragestellungen beantworten sollen.

Zur am Donnerstag beschlossenen Enquete-Kommission über Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz zählen 19 Abgeordnete aus den im Bundestag vertretenen Parteien und 19 von den Fraktionen zu benennende Sachverständige. Angepeilt ist, dass die Handlungsempfehlungen an die Politik im Herbst 2020 vorgelegt werden. Der Einsetzungsauftrag im Internet: bit.ly/2MxeCn4

Solch mahnende Rufe dürften die am Donerstag eingesetzte Enquetekommission durchaus erreichen. Neben dem Arbeitsauftrag, den Einsatz von KI in der Wirtschaft, in Bildung und Forschung auszuloten, sind auch Werte und ethische Aspekte Teil des Arbeitsprogramms: „Gibt es Lebensbereiche, in denen der Einsatz von KI unvertretbar sein könnte“, lautet eine der Fragen, die behandelt werden sollen. Auch um Fragen von Verantwortung und Haftung soll es gehen.

Es sind harte Nüsse zu knacken. So wie wir sie auch schon von Diskussionen über das autonom fahrende Auto kennen: Soll dieses für den Fall eines notwendig werdenden Ausweichmanövers vom Menschen so programmiert werden, dass es den rechts fahrenden Fahrradfahrer anfährt? Oder aber den gleichzeitig links entgegenkommenden Motorradfahrer? Oder soll die Entscheidung gar der Künstlichen Intelligenz, also dem „schlauen“ Auto selbst überlassen bleiben?

Kritik: Antworten der Kommission kommen zu spät

Es erscheint vernünftig, dass sich ein kompetentes Gremium mit den weireichenden Folgen der KI befasst. Doch Martin Schallbruch, stellvertretender Direktor des Digital Society Institute, European School of Management and Technology in Berlin, hält diese Vorgehensweise für viel zu behäbig, sieht die Einrichtung einer Enquete-Kommission gar als Fehler: „Enquete-Kommissionen arbeiten gründlich und lange. Ihr Bericht liegt erst nach Jahren vor. Je breiter der Auftrag ist, desto vielfältiger sind die Empfehlungen – und desto unbedeutender. Denn bei einem so weitgehenden Auftrag kann keine politische Zuspitzung gelingen.“

Auch drohe eine Verzögerung politischen Handelns durch ein Warten auf die Kommissionsergebnisse. Methoden und Technologien der Künstlichen Intelligenz seien heute schon weit verbreitet und in vielen Anwendungen im Einsatz. Immer neue Bereiche kämen täglich hinzu. Die Politik aber müsse jetzt Entscheidungen vorbereiten und treffen und dürfe sie nicht auf die Zukunft verschieben. „Der Masterplan ‚Künstliche Intelligenz’ muss schnell erstellt werden“, so Schallbruch.

Nun ist sie aber beschlossen, die Enquetekommission, deren Überlegungen die gesamte Gesellschaft betreffen und daher auch interessieren dürften. Gerade deshalb hatten die Grünen, die selbst mit in dem Gremium sitzen werden, gefordert, dass die Sitzungen per Livestream im Internet übertragen werden. Ein Antrag, den die Mehrheit jedoch ablehnte.

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