Manipulierte Empfehlungen, verzögerte Auslieferung: In Deutschland nimmt die Kritik an Amazon zu. Auch Josef Haslinger, Präsident des PEN-Zentrums, schließt sich an.

Josef Haslinger denkt, dass der Protest etwas bewirkt.
Josef Haslinger denkt, dass der Protest etwas bewirkt.

Josef Haslinger denkt, dass der Protest etwas bewirkt.

Buchhändler Benjamin Wagner steht am 21.12.2012 in seinem Vividus-Buchcafé in Tübingen (Baden-Württemberg). Der Buchhandel hat es schwer in Zeiten von Internet-Versandhäusern. Vor allem kleine Geschäfte kämpfen ums Überleben. Doch einige Läden haben mit außergewöhnlichen Konzepten ihre Nische gefunden.

dpa, Bild 1 von 2

Josef Haslinger denkt, dass der Protest etwas bewirkt.

Mehr als 1000 deutschsprachige Schriftsteller protestierten in einem offenen Brief gegen die Methoden des Onlinehändlers Amazon. Sie werfen dem Konzern vor, gezielt Empfehlungslisten zu manipulieren und Bücher bestimmter Verlage verzögert auszuliefern, um höhere Rabatte durchzusetzen. Auch der Autor und Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, Josef Haslinger (59), hat den Brief unterzeichnet. Im Interview spricht der Chef der deutschen Schriftstellervereinigung über das zwiespältige Verhältnis von Autoren und Amazon.

Herr Haslinger, warum haben die deutschen Autoren den offenen Brief an Amazon geschrieben?

Josef Haslinger: Wir wurden durch die amerikanischen Autoren auf die Sache aufmerksam gemacht. Es gab ja deren Brief, der zahlreich und prominent unterschrieben war. Da haben sich auch bei uns Autoren zu Wort gemeldet, denen bekannt war, dass das Problem auch bei uns existiert. Sie haben zunächst den Brief übersetzt und für deutsche Verhältnisse adaptiert. Und tatsächlich hat sich heraus gestellt, dass es bei uns viele Autoren gibt, die auf einen solchen Protest geradezu gewartet haben. Innerhalb weniger Tage kamen tausend Unterschriften zusammen, das ging ganz schnell.

Aber Amazon unterstützt ja auch Autoren, beispielsweise durch Empfehlungslisten.

Haslinger: Es ist nicht so, dass wir Amazon in Bausch und Bogen verdammen. Aber es gibt bestimmte Geschäftspraktiken, die abgestellt werden müssen. So werden Autoren bestimmter Verlage hier in Geiselhaft genommen. Sie werden schlechter behandelt als andere, nur weil Amazon Probleme hat, mit der übergeordneten Verlagsgruppe einen zufriedenstellenden Vertrag zu schließen. Diese Schwierigkeiten haben wiederum mit etwas ganz anderem zu tun: Amazon versuchte von Beginn an, mit ständig neuen Anläufen die Buchpreisbindung auszuhebeln. Das geht nicht. Die gesamte Branche ist auf die Buchpreisbindung angewiesen, die Autoren ganz besonders. Dass Amazon für Autoren auch eine wichtige Bedeutung hat und durch Empfehlungslisten auf Autoren aufmerksam macht, ist unbestritten. Aber jetzt bestimmte Autoren von diesen Empfehlungen auszuschließen, weil deren Verlage sich nicht Verträge aufzwingen lassen, das geht einfach nicht. Ein Auslieferer und ein Buchhändler hat alle Autoren gleich zu behandeln.

Aber Amazon kann die Buchpreisbindung nicht aufheben.

Haslinger: Amazon kann sie nicht aufheben, versucht aber beständig, an andere Preise zu kommen, als sie im Buchhandel angeboten werden. Das ist ein permanenter Versuch der Profitmaximierung.

Mit „Self-publishing“ (Selbstverlag) fördert Amazon doch auch junge Autoren.

Haslinger: Amazon sorgt eher dafür, dass sie auf dem Abstellgleis landen. Wann haben Sie je im Feuilleton eine Rezension über ein Buch gelesen, das nur bei Amazon erschienen ist? Man ist von vornherein in einem relativ amateurhaften Ambiente gelandet. Zwar kommt man leicht zu einer Veröffentlichung, aber man wird von der seriösen Buchkritik nicht beachtet.

Gibt es einen Austausch zwischen Amazon und Autoren?

Haslinger: Nein. Aber ich weiß von vielen Autoren, dass sie auf der Amazon-Webseite nachschauen, welche Kommentare zu ihren Büchern abgegeben werden. Insofern ist Amazon ein gewisser Marktindikator.

Denken Sie, dass der Brief etwas bewirken wird?

Haslinger: Der Brief wird ernst genommen werden. Der Konzern muss in der Buchbranche um sein Image bemüht sein, er hat ja in Europa einen Zukunftsmarkt, der bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Und so ist anzunehmen, dass der Brief der Autoren auch in der Konzernspitze wahrgenommen wird. Und wenn Amazon meint, die Praxis beibehalten zu müssen, Autoren für nicht gelungene Geschäftsverträge in Geiselhaft zu nehmen, sind ja durchaus auch noch weitere Schritte denkbar.

Welche Schritte wären das?

Haslinger: Ich denke, das wird in Ruhe überlegt. Bei Amazon wird die Arbeitskraft der Autoren gehandelt. Deshalb können Autoren Druck machen, sie sind ein ökonomischer Faktor.

Wird sich das Verhältnis zwischen Autoren und Amazon wieder normalisieren?

Haslinger: Wir sind ja aufeinander angewiesen: Wir Autoren, damit Bücher verkauft werden, und Amazon, weil sie von Autoren und Verlagen mit Büchern beliefert werden. Wenn die Verlage mit Amazon zufrieden sind, sind es letztlich die Autoren auch. Die Zusammenarbeit von Autoren und Verlagen ist geprägt von einem Vertrauensverhältnis. Man weiß, was man für ein Buch erwarten kann und welchen Vertrag man bekommt. Das gibt den Autoren Sicherheit. Durch die neuen Verhandlungen von Amazon mit den Verlagen wird dieses Vertrauensverhältnis in Frage gestellt. Autoren stehen unter Stress, wenn ständig neue Verträge zu schließen und neue Bedingungen auszuhandeln sind. Ich glaube, diese völlige Verkommerzialisierung von Kulturgütern ist es, die letztlich zur Debatte steht.

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