Vor knapp fünf Jahren stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Für die Erforschung der Stadtgeschichte hat dies gravierende Folgen.

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Die Kölner Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia steht mit ihrem Team vor einer Mammutaufgabe. Bis das neue Stadtarchiv im Jahr 2016 bezogen werden kann, muss viel improvisiert werden.

Die Kölner Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia steht mit ihrem Team vor einer Mammutaufgabe. Bis das neue Stadtarchiv im Jahr 2016 bezogen werden kann, muss viel improvisiert werden.

dpa

Die Kölner Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia steht mit ihrem Team vor einer Mammutaufgabe. Bis das neue Stadtarchiv im Jahr 2016 bezogen werden kann, muss viel improvisiert werden.

Köln. Im März ist es fünf Jahre her, dass das Kölner Stadtarchiv einstürzte. Es galt als das bedeutendste in ganz Deutschland, weil Köln seit Römertagen nahezu ununterbrochen eine Stadt von Bedeutung war. Im Gespräch mit unserer Zeitung schildert Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia den Stand der Restaurierungsarbeiten und besteht darauf, dass man kein Stück aufgeben darf.

Frau Schmidt-Czaia, wie weit ist die Restaurierung der Archivalien gediehen?

Bettina Schmidt-Czaia: Es ist so: 95 Prozent des ursprünglichen Archivguts konnten geborgen werden, fünf Prozent gelten als verloren. Das gesamte geborgene Archivgut muss gereinigt werden, weil sich beim Einsturz Staub und Schmutz darauf abgelagert haben. Das ist bereits bei zwei Kilometern Archivgut geschehen. Insgesamt haben wir 30 Kilometer Regalbestände.

„Unsere Gegenwart ist morgen Geschichte, und dann sind Forscher auf das Material angewiesen, das wir ihnen hinterlassen haben.“

Dann stehen Sie also erst am Anfang.

Schmidt-Czaia: Ja, und dazu kommt noch, dass zehn Prozent unserer Bestände bei dem Einsturz nicht nur schmutzig, sondern auch noch nass geworden sind. Das ist besonders schädlich. Dieses Archivgut haben wir nach dem Einsturz zunächst einmal tiefgefroren, weil man so eine weitere Schädigung aufhalten kann. Jetzt sind wir schon lange mit dem Auftauen beschäftigt.

Bettina Schmidt-Czaia (53) wurde in Gütersloh geboren, studierte in Münster und war Leiterin des Stadtarchivs Braunschweig, bevor sie 2005 an die Spitze des Kölner Archivs berufen wurde. Die Historikerin und Mittelalter-Expertin steht mit ihrem Team vor der Aufgabe, das ehemals bedeutendste deutsche Kommunalarchiv wiederherzustellen.

Wie weit sind Sie damit?

Schmidt-Czaia: Wir hatten ursprünglich mal 668 große Gitterboxen, jetzt haben wir noch 9. Alles andere wurde getrocknet.

Haben Sie mittlerweile den gesamten Bestand erfasst – wissen Sie wieder, wo was ist?

Schmidt-Czaia: Das wissen wir bei etwa 60 Prozent, wir sind also noch nicht fertig damit.

Sind die Archivalien immer noch auf 20 Archivstandorte im ganzen Bundesgebiet verstreut?

Schmidt-Czaia: Nein, das sind jetzt 12. Aber bis 2016 müssen wir diese Standorte geräumt haben. Da unser Archivneubau hier in Köln bis dahin noch nicht fertig sein wird, verhandeln wir zurzeit mit dem Land Nordrhein-Westfalen darüber, ob wir einen Teil der Bestände im alten Landesarchiv in Düsseldorf zwischenlagern können.

Wird die Kölner Geschichte jetzt kaum noch erforscht, weil den Historikern das Arbeitsmaterial fehlt?

Schmidt-Czaia: Das ist sehr unterschiedlich. Bei den Dokumenten von vor 1815 haben wir sehr viel digitalisiert, da kann man sogar Forschung von Kanada aus betreiben. Für das 19. und 20. Jahrhundert sind aber die wenigsten Bestände mikroverfilmt gewesen, da ist die Situation katastrophal. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass die Menschen von außen sehr viel unbefangener damit umgehen als die Forscher von der Kölner Universität. Offenbar gibt es da ein Einsturztrauma. Das finden wir natürlich bedauerlich. Es ist viel mehr möglich, als man in Köln denkt.

Sie haben ja des öfteren gesagt, es wird 30 bis 40 Jahre dauern, ehe alles restauriert ist. Könnte man denn nicht auch gewisse Abstriche machen? Muss man sich nicht auf die besten Stücke beschränken?

Schmidt-Czaia: Was sind die besten Stücke? Das ist für den Mittelalter-Experten etwas anderes als für den Familienforscher. Das Archiv soll für die gesamte Bevölkerung da sein.

Dass man aus dem Mittelalter nichts wegwerfen darf, darüber herrscht sicherlich Einigkeit. Aber muss aus der heutigen Zeit denn wirklich so viel aufgehoben werden?

Schmidt-Czaia: Unsere Gegenwart ist morgen Geschichte, und dann sind Forscher auf das Material angewiesen, das wir ihnen hinterlassen haben. Archivare arbeiten für die Zukunft. Ein Beispiel: Wir haben gerade eine Ausstellung mit Plakaten von Veranstaltungen aus der Kölner Sporthalle, das war hier früher die größte Mehrzweckhalle. Die Plakate sind sehr wichtig, damit man in 50 oder 100 Jahren rekonstruieren kann, was die Leute in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihrer Freizeit gemacht haben.

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